„Celler Scene“

Wissen, was los ist ...

Im Mai 2016:

INTERVIEW
mit Wolf-Expertin Tanja Askani


Können wir abermals lernen, mit Wölfen zu leben?

Tanja Askani wurde in der Tschechoslowakei geboren. Ihr Vater hat ihr schon recht frĂŒh den respektvollen und fĂŒrsorglichen Umgang mit Tieren beigebracht. Er hat ihr immer wieder ausgesetzte, kranke oder â€šĂŒberflĂŒssige‘ Tiere mit nach Hause gebracht, die sie mit seiner UnterstĂŒtzung gepflegt hat, bis fĂŒr sie ein neues Zuhause gefunden werden konnte.

1990 ist Tanja Askani nach Deutschland gezogen. Begonnen hatte sie als Falknerin im Wildpark LĂŒneburger Heide. Mittlerweile betreut sie mehrere Wolfsrudel, die sie per Hand aufgezogen hat. Neben ihrer Arbeit mit Tieren fotografiert sie leidenschaftlich gerne, schreibt BĂŒcher und hĂ€lt VortrĂ€ge. Im Mittelpunkt steht fĂŒr sie immer das Tier und die Vorstellung, dass wir Menschen diese Geschöpfe mit ihrem Verhalten so annehmen sollten, wie sie sind – frei von moralischen Urteilen und romantischen Vorurteilen.

„Celler Scene“ hatte Gelegenheit, Tanja insbesondere zum Thema „Wölfe“ zu befragen – ein Thema, das gerade in jĂŒngster Zeit durch viele unterschiedliche Medienberichte in aller Munde ist, da der Wolf auch hierzulande immer mehr Einzug hĂ€lt. Das Thema wird sehr kontrovers diskutiert – zwischen WolfsbefĂŒrwortern und Wolfsgegnern ...


„Celler Scene“: In jĂŒngster Zeit macht der Wolf in zunehmendem Maße von sich reden. Wie kommt es, dass so lange Zeit vom Wolf nichts zu hören war? Er schien hierzulande regelrecht ausgerottet worden zu sein ...

Tanja Askani: In der Ex-DDR sind immer wieder mal Wölfe aus den östlichen Populationen aufgetaucht – und bejagt worden. Im Westen Deutschlands waren Wölfe seit 150 Jahren ausgerottet. Erst seit dem Fall der Mauer und der politischen Neuordnung des Ostens ergaben sich auch bei uns attraktive LebensrĂ€ume fĂŒr Wölfe. Der Wolf ist zurĂŒckgekehrt und geblieben.




(Foto: © Tanja Askani)

„Celler Scene“: Woher stammen die Wolfsrudel, die sich hierzulande einfinden?

Tanja Askani: Genetische Untersuchungen ergaben, dass die Wölfe im Norden Deutschlands aus Polen eingewandert sind, die sich zunĂ€chst in Sachsen niedergelassen haben und sich von hier aus kontinuierlich ausbreiten – in alle Richtungen.

„Celler Scene“: Ein bestimmter Wolf machte in letzter Zeit besonders viele Schlagzeilen: „Kurti“. Ende April wurde er getötet. Was hatte es mit diesem Wolf auf sich? Warum wurde um ihn so viel Aufhebens gemacht? Denn schließlich waren zeitgleich bundesweit noch mehr Wölfe unterwegs ...

Tanja Askani: Der besenderte Wolf „MT6“ – im Internet „Kurti“ genannt – stammte aus dem Munsteraner Rudel. Von diesem Rudel sind Distanzlosigkeiten und mangelnde Scheu vor Menschen bekannt. Bei einer unausgeprĂ€gten Fluchtdistanz eines Wolfes liegt die Vermutung nahe, dass dieses Tier eine wiederholte positive Erfahrung mit Menschen gemacht haben kann z. B. durch AnfĂŒttern. Ob es eine aktive FĂŒtterung durch Soldaten gab oder ob die Tiere nur eine Möglichkeit hatten, sich in MenschennĂ€he an weggeworfenen Essensresten zu bedienen, werden wir wohl nicht mehr herausfinden. Vieles deutet aber darauf hin, dass ein menschliches Fehlverhalten mitschuldig ist am Tod von „MT6“.

Was auch immer seine Erschießung begĂŒnstigt hat – dieser Wolf musste sterben, um anderen Wölfen eine Zukunft zu geben, denn es geht um die Akzeptanz des Wolfes in der Bevölkerung. In Deutschland leben wilde Wölfe ‚offiziell‘ seit 1996. In den vergangenen zwanzig Jahren wurde noch kein Mensch von einem Wolf bedroht oder angegriffen, trotzdem ist die Verunsicherung in der Bevölkerung dem Wolf gegenĂŒber noch sehr groß – was verstĂ€ndlich ist, da wir Wölfe und ihr Verhalten noch nicht wieder kennen. Um es ganz deutlich zu sagen: Der Wolf ist ein Raubtier – er ist weder böse noch gut. Er ist ein Beutegreifer, der es nicht auf uns Menschen abgesehen hat, wohl aber auf Teile unserer Nutztiere, wenn wir das zulassen. Wir mĂŒssen lernen, mit der NĂ€he des Wolfes sachlich, unaufgeregt und angemessen umzugehen, z. B., indem wir unsere Nutztiere schĂŒtzen oder unsere Hunde in Wolfsgebieten angeleint lassen. Und dem Wolf mĂŒssen wir beibringen, dass er uns aus dem Wege geht und auch um unsere Nutztiere einen Bogen macht.

„Celler Scene“: Aus dem MĂ€rchen der GebrĂŒder Grimm beispielsweise kennen wir den Wolf als bösen Gesellen. Wie kam es zu diesem Urteil, das vermutlich schon Hunderte von Jahren alt ist? Und was ist an diesem Urteil wirklich dran?




(Foto: © Tanja Askani)

Tanja Askani: Es war nicht ĂŒberall so. Bei Naturvölkern beispielsweise – bei Menschen mit einer großen NĂ€he zur Natur – wurde und wird der Wolf immer verehrt und bewundert. Sie waren in der Lage, intuitiv alle natĂŒrlichen ZusammenhĂ€nge zu verstehen und die Wichtigkeit des Wolfes im Öko-System zu erkennen. Viele Naturvölker sahen im Wolf sogar einen Blutsverwandten und nannten ihn „Bruder“, „Bruder Wolf“. Bei uns in den sogenannten zivilisierten Gesellschaften wurde der Wolf dagegen aus vielerlei GrĂŒnden erfolgreich als ProjektionsflĂ€che fĂŒr böse Fantasien oder auch fĂŒr böse Absichten benutzt und missbraucht.

Wie ich es schon sagte: Der Wolf ist nicht böse, ist kein ‚böser Geselle‘, sondern ein intelligentes, anpassungsfĂ€higes und hoch sozial veranlagtes Raubtier.

„Celler Scene“: Wenn andere Waldtiere, beispielsweise FĂŒchse oder Raubvögel, Tiere reißen, regt sich keiner so sehr auf wie beim Wolf – zumal der Wolf noch ein ganz anderes Kaliber ist als beispielsweise der BĂ€r, dessen Zuzug uns ja unter UmstĂ€nden auch blĂŒhen könnte – denn genau wie der Wolf, war wohl auch der BĂ€r bis zum 19. Jahrhundert in Deutschland zu finden ..

Tanja Askani: Es erscheint heute so, weil die öffentliche Aufmerksamkeit sehr auf den Wolf fokussiert ist. Wolfssichtungen, Wolfsbegegnungen und Wolfsrisse werden medial verbreitet und treffen auf großes öffentliches Interesse. Und es berĂŒhrt ja auch zutiefst, gerissene Schafe oder LĂ€mmer zu sehen – da brauchen wir uns doch nichts vorzumachen. Aber warum sich alles so auf den Wolf stĂŒrzt, weiß ich auch nicht wirklich. In Brandenburg fallen Kolkraben ĂŒber LĂ€mmer her mit furchtbaren Folgen fĂŒr die LĂ€mmer – ... Aber die Öffentlichkeit ist mehr daran interessiert, was ein Wolf tut, als daran, was Kolkraben oder FĂŒchse oder Wildschweine tun. Vielleicht reprĂ€sentiert der Wolf durch sein Hiersein ein StĂŒck Wildnis, das es lange nicht mehr gab bei uns und das uns fasziniert: Wildnis ... Wolf, bei uns? Vielleicht ...

„Celler Scene“: Muss man vor Wölfen tatsĂ€chlich Angst haben? Wie sollte man sich bei der Begegnung mit Wölfen verhalten?





(Foto: © Tanja Askani)

Tanja Askani: Die frei zugĂ€nglichen Statistiken der letzten zwanzig Jahre sprechen fĂŒr sich. Es gab in Deutschland seit der RĂŒckkehr der Wölfe bis heute definitiv keinen einzigen Wolf-Mensch-Zwischenfall. Im Internet findet man dagegen auf Anhieb, wie viele Menschen jĂ€hrlich in Deutschland beispielsweise durch eine Jagdwaffe, durch einen Autounfall oder durch falsche ErnĂ€hrung sterben. Dagegen ist kein Mensch in Deutschland seit 1996 durch einen Wolf getötet worden.

FĂŒr eine Begegnung mit freilebenden Wölfen gibt es keine standardisierte Verhaltensanleitung. Jede Begegnung ist anders und nicht nur die Menschen, auch die einzelnen Tiere sind Individualisten. Falls Sie einen Wolf bei einem Spaziergang ĂŒberraschen oder wenn Sie ein neugieriges Jungtier antreffen, empfehle ich, sich selbstbewusst und bestimmend zu verhalten. Die meisten Raubtiere – wie der Wolf auch – können keine Verletzung riskieren. Im schlimmsten Fall wĂŒrde so eine Verletzung fĂŒr sie den Hungertod bedeuten. Dominantes und energisches Verhalten können Wölfe gut entschlĂŒsseln und verstehen – es verunsichert sie. Allerdings macht es keinen Sinn, als SpaziergĂ€nger nur so zu tun als ob – das merken Tiere und erst recht der Wolf natĂŒrlich sofort. Wenn man sich also fĂŒrchtet, empfehle ich, nicht davonzulaufen, sondern sich langsam rĂŒckwĂ€rtsgehend und laut redend zu entfernen und nicht in Panik zu geraten.

„Celler Scene“: Wie können sich Landwirte gegen das Reißen von Nutzvieh schĂŒtzen? FrĂŒher, als es hierzulande noch Wölfe und BĂ€ren gab, musste man doch damit auch irgendwie fertig werden?






(Foto: © Tanja Askani)

Tanja Askani: Wir haben den Umgang mit großen Beutegreifern völlig verlernt. Gerade BĂ€ren und Wölfe sind Opportunisten und versuchen, mit dem geringsten Aufwand Beute zu erjagen – und es wird ihnen leicht gemacht, wenn Nutztierhalter keine geeigneten Schutzmaßnahmen ergreifen. Dabei spielt es kaum eine Rolle, ob in Deutschland 100 oder 1.000 Wölfe leben. Die SchĂ€den, also Nutztierrisse, bleiben, solange Nutztiere in Wolfsgebieten und in Wolfserwartungsgebieten ungeschĂŒtzt bleiben.

Sobald Raubtiere in eine fĂŒr sie unnatĂŒrliche Situation mit Beutetieren geraten, kommt es zu Mehrfachtötungen – es werden mehr Tiere gerissen als gefressen werden können. Man nennt dieses Verhalten „surplus killing“. Es kommt bei zahlreichen Raubtieren vor, und genauso verhĂ€lt sich ein Marder im Taubenschlag, ein Fuchs im HĂŒhnerstall oder eben ein Wolf in einer Schafsherde. Aber auch bei Wieseln, Luchsen, BraunbĂ€ren, Löwen, Leoparden, Tigern, WaschbĂ€ren, Orcas, verschiedenen Insekten wie Spinnen und Milben, Hunden und Hauskatzen ist dieses Verhalten nachgewiesen.

Es bringt also nichts, wenn ich beispielsweise einen ‚Problemfuchs‘ erschieße und mein HĂŒhnerstall ĂŒber Nacht geöffnet bleibt. Ähnlich ist es auch mit Wölfen. Mit dem Wolf zu leben, ist und bleibt eine Herausforderung.

„Celler Scene“: Sollen Wölfe in das Jagdrecht mit aufgenommen werden und – Ă€hnlich wie Rotwild, Wildschweine u. dgl. – unter bestimmten UmstĂ€nden oder zu bestimmten Zeiten auch geschossen werden dĂŒrfen?

Tanja Askani: Die Artenschutzbestimmungen und geltendes Recht sagen ganz klar: Nein!

„Celler Scene“: RegelmĂ€ĂŸig werden – genau wie anderes Wild – Wölfe ĂŒberfahren. Könnte etwas bewirkt werden, um das zu verhindern?

Tanja Askani: Es gibt schon einige WildbrĂŒcken ĂŒber Autobahnen, die von wilden Tieren gerne genutzt werden. Aber das Problem der WildunfĂ€lle bleibt bestehen in unserer motorisierten Welt. Trotz dieser Verluste ist die Wolfspopulation durch WildunfĂ€lle nicht ernsthaft gefĂ€hrdet.

„Celler Scene“: Wie siehst du die Zukunft der Wölfe in Deutschland?

Tanja Askani: Ich wĂŒnsche mir, dass wir es schaffen, mit dem Wolf zu leben. Der Wolf hat seinen Platz in unserem Öko-System. Ich hoffe, dass seine dauerhafte Wiederansiedlung gelingt.

„Celler Scene“: Aus deiner Kindheit und Jugend erklĂ€rt sich schon deine Zuneigung zu Tieren. Warum liebst du Wölfe so sehr?




(Foto: © Liba Radova)

Tanja Askani: Tiere, vor allem Wildtiere, haben mich schon seit Kindertagen fasziniert. Die Wölfe kamen etwas spĂ€ter dazu. Es war die Neugier, herauszufinden, wie sie wirklich sind. Seit ĂŒber zwanzig Jahren arbeite ich mit Wölfen und es wird immer noch nicht langweilig: Jeden Tag lerne ich etwas Neues dazu. In meinem zweiten Buch „Wolfsspuren“ habe ich ĂŒber Wölfe geschrieben und das gilt unverĂ€ndert fĂŒr mich:

„Sie sind voller Kraft, jedoch immer elegant und geschmeidig, vorsichtig und bedĂ€chtig, aber zugleich kompromisslos und souverĂ€n. Gleichzeitig wirken sie friedlich und verspielt, liebevoll und manchmal verschmust, dabei aber unbĂ€ndig und unzĂ€hmbar wild. Viele vermeintlich unvereinbare Eigenschaften stecken in einem Wolf.“

„Celler Scene“: Wie hat es sich ergeben, dass du angefangen hast, Wölfe mit der Hand aufzuziehen?

Tanja Askani: Das habe ich in meinem ersten Buch „Unsere Wölfin Flocke“ beschrieben. Flocke war das letzte ĂŒberlebende Baby ihrer Mutter, die kurz nach der Geburt starb. Als sie zu mir gebracht wurde, war sie mehr tot als lebendig – da musste ich ganz schnell lernen, wie man ein Wolfsbaby aufzieht. Sie war damals auch meine beste Lehrerin.

„Celler Scene“: Was gibt es Neues bei deinen Wölfen?







(Foto: © Liba Radova)

Tanja Askani: Sie sind in meinen Augen immer noch gute Botschafter ihrer wilden Artgenossen, auch wenn sie inzwischen in die Jahre gekommen sind – Polarwolf Nanuk hat dieses Jahr ein wirklich erstaunliches Alter von 15 Jahren erreicht. Es macht mich glĂŒcklich, aber auch traurig, da ich weiß, dass der Tag des Abschieds immer nĂ€her rĂŒckt. Trotzdem möchte ich nach vorne schauen und meine Arbeit fortsetzen. Wenn in anderen Parks Wolfsbabys meine Hilfe brauchen, sind sie im Wildpark LĂŒneburger Heide herzlich willkommen.

„Celler Scene“: Was ist dein grĂ¶ĂŸter Traum in Hinblick auf Wölfe?

Tanja Askani: Dass Wölfe den Schutzstatus behalten, den sie derzeit haben; dass sie lernen, mit uns zu leben und wir mit ihnen.

„Celler Scene“: Tanja, vielen Dank fĂŒr deine erschöpfenden Informationen.


Links

BĂŒcher

  • Tanja Askani: „Unsere Wölfin Flocke“
  • Tanja Askani: „Wolfsspuren“

GeÀndert:  05 / 2020