„Celler Scene“

Wissen, was los ist ...

Im November 2016:

INTERVIEW
mit  Martin Greibke (Handwerksgeselle)


Auf der Walz ...

CELLE / HAMBURG. Freisprechungen fĂŒr Lehrlinge sind alt. Sie gehen auf Rituale in handwerklichen ZĂŒnften des spĂ€ten Mittelalters zurĂŒck. Es bildete sich im Laufe der Zeit eine Tradition heraus, wonach sich Handwerker nach bestandener GesellenprĂŒfung auf Wanderschaft begaben, mit dem Ziel, an fremden PlĂ€tzen vor allem neue Arbeitspraktiken kennenzulernen und Lebenserfahrungen zu sammeln. Sie machten sich auf die sogenannte Walz. Das ist eine Tradition, die auch heutzutage noch gepflegt wird. Am augenfĂ€lligsten ist das im Bereich der Zimmerleute, denen man zuweilen heute noch am Straßenrand begegnet, wo sie versuchen, per Anhalter von A nach B zu gelangen: Zimmerleute – mit ihren großen schwarzen HĂŒten, den doppelreihig geknöpften schwarzen Jacken mit großen weißen Perlmuttknöpfen und den unten weit ausgestellten Hosen. Diese Zunft ist die Ă€lteste und hat sich am lĂ€ngsten von allen gehalten. Weniger bekannt ist, dass auch andere ZĂŒnfte sich eine Zeitlang auf Wanderschaft begeben haben und zum Teil auch noch begeben: Maurer, Dachdecker, Steinmetze, Tischler, Schmiede, Schlosser, aber auch Schneider, Goldschmiede, Instrumentenbauer und viele andere mehr.

„Stadt-Magazin Celler Scene“ sprach mit Martin Greibke ĂŒber diese alten Traditionen im Handwerk. Martin Greibke hat dereinst den Beruf des Steinmetzes und des Maurers erlernt, war zwischenzeitlich fĂŒr mehrere Jahre auf der Walz, wo er u. a. auch eine Handwerkerin begleitet hatte, die inzwischen seine Frau ist. Berufsbedingt ist er derzeit in Hamburg tĂ€tig.


(Foto: © Martin Greibke)


„Celler Scene“: Martin, du bist WortfĂŒhrer (1. Vorsitzender) der „Gesellschaft der rechtschaffenen fremden und einheimischen Maurer- und Steinhauergesellen“ in Celle, eine Vereinigung, die wohl kaum einer kennt ... Seit wann existiert diese Wandergesellen-Vereinigung und worin sieht sie ihre Aufgabe?

Martin Greibke: Die „Gesellschaft der rechtschaffenen fremden und einheimischen Maurer- und Steinhauergesellen“ gibt es schon seit ĂŒber 800 Jahren und wurde in den alten DombauhĂŒtten gegrĂŒndet. In Celle existiert dieses seit knapp 400 Jahren, eventuell auch schon lĂ€nger. Die Aufgabe besteht darin, junge, traditionsbewusste Handwerker auf die Walz zu bringen, auf die Walz vorzubereiten und diese dann auch zu betreuen wĂ€hrend der Wanderschaft, aber auch, um alte Traditionen und das alte Handwerk am Leben zu halten.

„Celler Scene“: Seit Jahrhunderten gibt es in einigen Handwerksberufen die Tradition der Wandergesellen. TĂ€uscht der Eindruck oder ist die Zahl derer, die auf die sogenannte Walz gehen, rĂŒcklĂ€ufig?

Maurer in Braunschweig – ein Gesellschaftsbild von 1921
(Foto: N. N.)

Martin Greibke: Es ist ein stetiges Auf und Ab. In den 70ern gab es insgesamt ‚nur‘ sieben Reisende und jetzt sind es ca. 500. Es ist so ein leichter Anstieg zu merken, da man ja doch etwas Besonderes und Seltenes macht.

„Celler Scene“: Der Sinn der Wanderschaft von Handwerksgesellen hat sich ĂŒber die Jahrhunderte vermutlich nicht wirklich verĂ€ndert (im Vorspann zu diesem Interview wurde bereits ein wenig darauf eingegangen). Kannst du das bestĂ€tigen? Oder haben sich in den vergangen Jahren oder Jahrzehnten maßgebliche VerĂ€nderungen ergeben?

Martin Greibke: Unsere geheimen Rituale haben sich seit den letzten 800 Jahren gar nicht verĂ€ndert. Allerdings ... was man so nach außen hin sieht: Beispielsweise hat sich die Kluft etwas verĂ€ndert, und es ist möglich, mit einem Handy zu reisen, was aber nicht gerne gesehen wird. Es ist auch schnelllebiger geworden.

„Celler Scene“: Wenn man einfach mal den Aspekt „Fortbewegungsmittel“ in Augenschein nimmt, könnte man sich vorstellen, dass das Fahren per Anhalter schwieriger geworden ist. Denn auch ganz gewöhnliche Anhalter sieht man heutzutage kaum noch – im Gegensatz beispielsweise zu den 70er, 80er oder 90er Jahren.


Handwerksgeselle beim Trampen in England
(Foto: © Martin Greibke)

Martin Greibke: Es ist auch von Ort zu Ort verschieden. Ich hatte selten Probleme als Anhalter. Dies kommt, denke ich, daher, dass man im Zunftzwirn ja auch etwas ‚VertrauenswĂŒrdiges‘ vertritt.

„Celler Scene“: Es gibt bestimmte Maßgaben, wie sich ein Handwerksgeselle zu verhalten und zu kleiden hat, wenn er sich auf der Walz befindet. Welches sind die wesentlichsten Aspekte, vor allem auch heutzutage?

Martin Greibke: Man

  • muss vorstrafen-, schulden- und unterhaltszahlungsfrei sein
  • sollte das 30. Lebensjahr nicht ĂŒberschritten haben
  • muss einen Gesellen- / Facharbeiterbrief haben

„Celler Scene“: Wie schwierig ist es, als Handwerker auf Wanderschaft eine Anstellung zu finden?

Martin Greibke: Es kommt darauf an, wie flexibel man ist. Eigentlich ist beim momentanen FachkrÀftemangel auf dem Bau eher die Frage, wie beweglich man ist: Derzeit suchen nicht wir die Arbeit, sondern die Arbeit sucht uns.

„Celler Scene“: Werden Wandergesellen genauso behandelt und entlohnt wie ihre ortsansĂ€ssigen Kollegen?


Handwerksgesellen beim Trampen in DĂ€nemark, rechts im Bild: Martin Greibke
(Foto: © Martin Greibke)

Martin Greibke: Ein wahrer Wandergeselle möchte kein Konkurrent sein und niemandem die Arbeit wegnehmen. Daher richten wir uns nach den gewerkschaftlichen Tarifen. Es sei denn, man möchte etwas ganz Aufregendes, Nneues erlernen. Da sagt man schon mal, dass man dafĂŒr weniger Geld haben möchte. Allerdings genießt man als Wandergeselle so manches Mal diverse VorzĂŒge von den Arbeiten her. So durfte ich z. B. In Nieder-Österreich zwei WerkstĂŒcke fĂŒr die Dresdner Frauenkirche hauen.

„Celler Scene“: Wie sind ortsansĂ€ssigen Kollegen auf die wanderfreudigen Gesellen zu sprechen?

Martin Greibke: Auch hier merkt man immer wieder Unterschiede. So ist es mir in ThĂŒringen passiert, dass man mich auf eine Stufe gestellt hat mit einem Obdachlosen, und stĂ€ndig wurde hinter meinem RĂŒcken schlecht ĂŒber mich geredet. Anders wiederum wird man auch von den Arbeitskollegen herzlich aufgenommen, zum Abendbrot eingeladen oder man hilft dann doch mal bei einem Fußballverein von einem Arbeitskollegen als Spieler aus.

„Celler Scene“: Gibt es eine zeitliche Begrenzung, einen von der Tradition her gewĂŒnschten oder vorgeschrieben Zeitraum, wie lange man mindestens und wie lange man maximal wĂ€hrend der Wanderschaft an einem Ort verweilt, bevor man weiterzieht?

Martin Greibke: Wenn man reist, dann bleibt man ein bis zwei Tage an einem Ort, je nach Gefallen und Schlafmöglichkeiten. Wenn man in Arbeit steht, dann sollten es mindestens sechs Wochen bis maximal sechs Monate sein. Der Schnitt liegt ca. bei zehn bis zwölf Wochen.

„Celler Scene“: Wird den Wandergesellen eine Empfehlung mit auf den Weg gegeben, wie lange sie insgesamt auf der Walz sein sollten?

Martin Greibke: In unserer Vereinigung mĂŒssen wir mindestens drei Jahre und einen Tag in die Fremde.

„Celler Scene“: Können wĂ€hrend der Wanderschaft Pausen eingelegt werden oder muss die Walz im StĂŒck durchgezogen werden? Wie vertrĂ€gt sich das man dem Familienleben?

Martin Greibke: Pausen? Nein, wenn ich mich fĂŒr diese sehr schöne Zeit entscheide, dann ziehe ich dies auch in einem StĂŒck durch. Ausnahmen sind u. a. SterbefĂ€lle im engeren Familienkreis oder schwere KrankheitsfĂ€lle. Die Familie kann einen ja besuchen kommen, meistens ist man aber so abgelenkt und so fasziniert von dieser Zeit – da bleibt nicht viel zum Nachdenken ĂŒber die Familie.

„Celler Scene“: Eine Handwerksgesellin auf der Walz, so wie es auf dem Foto mit deiner heutigen Ehefrau zu sehen ist, ist ein ausgesprochen seltener Anblick. Dass Frauen sich fĂŒr Handwerksberufe interessieren, ist schon lĂ€nger so – Tendenz steigend. Aber wie sieht es mit Handwerksgesellinnen aus, die sich auf die Walz begeben? Selbst wenn man mal unterstellt, dass körperlich arbeitende Frauen wehrhafter sind als andere, so sind und bleiben sie doch Frauen, die gewissen Gefahren ausgesetzt sind ...


Martin Greibke mit damaliger Handwerksgesellin und heutiger Ehefrau in Österreich
(Foto: © Martin Greibke)

Martin Greibke: NatĂŒrlich sind sie Gefahren ausgesetzt und gelten fĂŒr den einen oder anderen als ‚Freiwild‘. Reisende Frauen werden auch gern als Mannsweiber betitelt, nur weil sie in Kluft und nicht im Minirock unterwegs sind. Doch meistens haben die Frauen es schon in der Ausbildung gelernt, sich verbal zu schĂŒtzen oder sie haben eine harte Rechte. Was ich oft erlebt habe, ist, dass sich auch viele Leute fĂŒr eine Reisende einsetzen und Zivilcourage zeigen.

Trampen und Schlafplatzfindung ĂŒbrigens funktioniert mit weiblicher UnterstĂŒtzung besser.

„Celler Scene“: Wie ist die Akzeptanz von Handwerksgesellinnen in Berufen, die nach vor von MĂ€nnern dominiert werden?

Martin Greibke: Manchmal werden die Frauen belĂ€chelt und mĂŒssen von Anfang an 120 Prozent geben. Manchmal werden die Handwerkerinnen wie eine eigene Tochter des Chefs betrachtet und bekommen alles vor die Nase gestellt. Es ist unterschiedlich. Im Groben mĂŒssen Frauen sich mehr behaupten.

„Celler Scene“: Ist der Aktionsradius von Wandergesellen begrenzt und gibt es ein Minimum an Jobs, die man tĂ€tigen sollte? Oder zĂ€hlt am Ende mehr das im Rahmen der Wanderschaft Erreichte?

Martin Greibke: Man darf wĂ€hrend der drei Jahre nicht nĂ€her als 50 Kilometer an seinen Heimatort herankommen. Dies dient dem SelbststĂ€ndigwerden und dem Lösen von Muttis Rockzipfel. Als Vorgabe haben wir, dass wir in mindestens sieben verschiedenen StĂ€dten – wenn möglich, auch im Ausland – gearbeitet haben sollen.

„Celler Scene“: Wie funktioniert der Ablauf einer Walz? Wird das in der Regel konkret geplant oder situativ entschieden, wann man wo wie lange bleibt? Wie lĂ€sst sich das mit den Beherbergungsmöglichkeiten vereinbaren? Es liegt sicherlich nicht im Interesse eines Gesellen, mangels Unterkunft sozusagen unter der BrĂŒcke zu schlafen ...

Martin Greibke: Wir haben Statuten, einen Zunftknigge, der sagt, wie unser Ablauf auszusehen hat. Planen kann man auf der Walz nicht so richtig, denn meistens kommt es sowieso anders und meistens besser. Ich könnte jetzt den Daumen raushalten zum Trampen und will nach Berlin. Es hÀlt einer an und sagt, er fahre nach Kopenhagen. Was macht man? Man fÀhrt mit!

Zur Beherbergung: Wir haben hier und da – leider nicht mehr in Celle – Gesellenherbergen, wo wir ĂŒbernachten können, oder beim Meister selbst, oder man hat eine Freundin gefunden. Ein Reiz ist natĂŒrlich auch da fĂŒr kuriose SchlafplĂ€tze, wie SpielplĂ€tze, Friedhöfe, WĂ€lder undsoweiter.

„Celler Scene“: Welche Akzeptanz findet das Wandergesellentum in unserer heutigen Gesellschaft?

Martin Greibke: Es gibt meistens eine gute und positive Akzeptanz in der heutigen Gesellschaft, auch wenn man manchmal etwas strenger riecht oder etwas ungepflegt daherlĂ€uft. NatĂŒrlich gibt es auch ein paar ‚hohle NĂŒsse‘ in der Handwerksgesellschaft.

„Celler Scene“: Im VorgesprĂ€ch fiel der Begriff „Zunftbruch“;. Was bedeutet das?

Martin Greibke: Die ZĂŒnfte wurden im 19. Jahrhundert aufgelöst und haben – leider! – einen großen Teil des Handwerks und dessen traditionelles Wesen ins Vergessene befördert.

„Celler Scene“: Was hat es eigentlich mit den DiebstĂ€hlen von Zunft-Utensilien Anfang der 50er Jahre auf sich, von denen du berichtet hast?

Martin Greibke: Die Vereinigung in Celle ist ja eine der Ă€ltesten Gesellschaften, die wir haben. Unsere Utensilien, u. a. ein Stubenschild (Stammtisch-Schild fĂŒr die Wand) aus dem Jahre 1698, waren entwendet worden oder BĂŒcher, Siegel und Handwerkstruhen. Bei einem Bierkrug von 1848 hatten wir GlĂŒck – der kam irgendwann wieder zu uns zurĂŒck.




Maurergesellen in Erfurt
(Foto: © Martin Greibke)

„Celler Scene“: Die Wandergesellen-Vereinigung in Celle ist ja nicht die einzige dieser Art in Deutschland ...

Martin Greibke: Eigentlich hat jede Stadt mit einer handwerklichen Geschichte irgendwie eine Wandergesellen-Vereinigung. LĂŒneburg, Hamburg, Erfurt, aber auch Windhuk oder Sydney sind mit dabei.

„Celler Scene“: Wie stellst du dir die Zukunft der Tradition des Wandergesellentums vor? Hat sie eine Chance?

Martin Greibke: Manchmal habe ich Angst, dass keiner mehr auf die Walz will. Es ist auch schwieriger geworden, junge Handwerker zu erreichen und sie fĂŒr das Abenteuer Walz zu begeistern. Doch gibt es immer wieder welche, die sagen „Ja, ich mach' dass, ich will Abenteuer, fremde LĂ€nder und neue / alte Arbeitstechniken erlernen“. Ich denke, dass das zĂŒnftige Reisen wichtiger denn je ist.
Unsere Gesellschaft in Celle ist noch eine der letzten verbliebenen ZĂŒnfte der Maurer – wir wĂŒrden uns ĂŒber Zuwachs sehr freuen!

„Celler Scene“: Vielen Dank fĂŒr dieses ausfĂŒhrliche Interview, Martin!

GeÀndert:  05 / 2020