„Celler Scene“

Wissen, was los ist ...

Im Dezember 2012:

INTERVIEW
mit Martin A. Banger  (Astrologe)


Was regiert uns mehr:
Schicksal? Soziale PrÀgung?

CELLE / KIEL. Seit mehr als zwei Jahrzehnten kennt man ihn im „Stadt-Magazin Celler Scene“ als hervorragenden Autoren von Buchrezensionen, bei denen er das Wesentliche von Neuheiten auf dem Belletristik- und Sachbuch-Markt erfasst und auf den Punkt bringt. Heute interessiert uns Martin A. Banger allerdings als Astrologe. In dieser Funktion ist er der geneigten Leserschaft schon seit sehr vielen Jahren ein Begriff, zeichnet er doch verantwortlich fĂŒr die umfangreichen und fachkundigen Jahres-Prognosen im Magazin und auf der Website – und seit FrĂŒhjahr 2010 ebenfalls auch fĂŒr die monatlich erscheinenden Horoskope.


„Celler Scene“: Wie bist du eigentlich mal zur Astrologie gekommen, Martin? Astrologie gilt nun mal nicht als anerkannte Wissenschaft, und Astrologe ist auch kein Lehrberuf ...

Martin A. Banger: Die Entscheidung, die Astrologie zum Beruf zu machen, habe ich erst sehr spĂ€t getroffen, als ich mich schon ĂŒber zehn Jahre intensiv mit dem Thema befasst hatte. UrsprĂŒnglich hatte ich geplant, Chemiker zu werden und ich bin wĂ€hrend meines Chemie-Studiums zufĂ€llig auf die Astrologie gestoßen. Eine Bekannte probierte sich im Deuten von Horoskopen, ich war neugierig geworden und ich ließ mir so ein Horoskop erstellen. Was ich dann zu hören bekam, verwirrte mich. Und das betraf nicht nur Venus, Mars, die Quadrate und all diese merkwĂŒrdigen HĂ€user. Nein, das was ich ĂŒber mich zu hören bekam, war etwas mehr als ich erwartet hatte und sogar ein klein wenig mehr als mir lieb war. So gut kannte mich diejenige nicht und ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie ĂŒber mich Erkundigungen eingezogen hatte. Ich wollte der Sache selbst auf den Grund gehen und herausfinden, was da tatsĂ€chlich dran ist. Diese Suche hat mich nie wieder losgelassen und bringt mich immer wieder mit neuen, spannenden Aspekten des Themas in Kontakt.

„Celler Scene“: Von der Chemie zur Astrologie – das klingt wohl fĂŒr die meisten Menschen wie ein radikaler Wechsel ...

Martin A. Banger: TatsĂ€chlich ist es der magische Aspekt der Chemie, der mich von Kindheit an fasziniert hat. Wir bringen zwei oder mehr Stoffe zusammen, nutzen eine bestimmte Temperatur und erhalten ein Ergebnis, von dem niemand zu trĂ€umen wagte. Dass das hinterher berechnet und technisch genutzt werden kann, ist ein anderes Thema. Damit befassen sich dann die SchreibtischkrĂ€fte. Dieser Forschergeist, der nach neuen Gesetzen sucht, vielleicht sogar nach ĂŒbergeordneten ZusammenhĂ€ngen, ist nicht das, was an der UniversitĂ€t gefördert wird. Dort werden FachkrĂ€fte ausgebildet, die bestehendes Wissen erhalten und besser nutzbar machen sollen. Schon als Jugendlicher hatte ich weit mehr Kenntnisse in der Chemie gesammelt als in den ersten drei Semestern an der Uni von mir gefordert wurden. Meine EnttĂ€uschung ĂŒber den Wissenschaftsbetrieb kann also als ErklĂ€rung dafĂŒr dienen, dass es mich regelrecht zur Astrologie zog. Dort war endlich wieder etwas zu entdecken. Neuland. Und da ich bereits wusste, dass die ersten Chemiker, die Alchemisten, die astrologische Sprache verwendeten, zögerte ich nicht, dieses Neuland zu betreten.

„Celler Scene“: Mal zur Unterscheidung: Es gibt das ‚normale‘, westliche Horoskop, das wir kennen, das aus den zwölf Tierkreiszeichen Widder, Stier, Zwillinge, Krebs, Löwe, Jungfrau, Waage, Skorpion, SchĂŒtze, Steinbock, Wassermann und Fische besteht, die jĂ€hrlich wiederkehren. Weniger gelĂ€ufig ist das chinesische Horoskop mit ebenfalls zwölf Tierkreiszeichen, die allerdings im Zwölf-Jahres-Turnus wiederkehren: Affe, Hahn, Hund, Schwein, Ratte, BĂŒffel, Tiger, Hase, Drache, Schlange, Pferd und Ziege. Wie kommt es in beiden FĂ€llen zu dieser Zwölferteilung? Und was unterscheidet beide Philosophien im wesentlichen voneinander?

Martin A. Banger: Ich bin kein Fachmann fĂŒr chinesische Astrologie und werde es wohl auch nie werden. Dazu sollte man wissen, dass es noch sehr viel mehr Astrologien gibt als diese beiden, und dass sogar neue Formen astrologischer Systeme gegrĂŒndet werden könnten. Es gibt verschiedene traditionelle astrologische Systeme in Indien, es gibt eine vergessene arabische Astrologie, die Maya und andere amerikanische Völker hatten eigene Astrologien. Über die Jahrhunderte hat sich das, was wir als westliche Astrologie bezeichnen, entwickelt und immer wieder verĂ€ndert, um weit mehr zu einer Art Psychologie zu werden als zu einem Orakelsystem, von dem es ja ursprĂŒnglich abstammt.

„Celler Scene“: In deinen Jahreshoroskopen bleiben die chinesischen Sternzeichen nicht unerwĂ€hnt ...

Martin A. Banger: An der chinesischen Astrologie fasziniert mich der ĂŒbergeordnete Zwölf-Jahres-Zyklus, den die westliche Astrologie so nicht kennt. Noch mehr fasziniert mich die FĂŒnf-Elemente-Lehre, die auf eine ganz andere Weise zu SchlĂŒssen kommt als die westliche Vier-Elemente-Lehre. Und ich schĂ€tze den Schwerpunkt der alten chinesischen Philosophie, der weit mehr auf Ausgleich, Ordnung und Harmonie gerichtet ist als bei uns im Westen, wo es um Sieg, Gewinn und den Erfolg des Einzelnen geht. Dass ich der einen Form der Astrologie den Vorzug geben, heißt nicht, dass ich sie fĂŒr die ĂŒberlegene halte. Jedes System ist so gut wie der, der darin eintaucht. Dass ich in meinen Jahresprognosen kurz auf die chinesische Astrologie hinweise, ist ein Ausdruck des Respekts vor dieser anderen Herangehensweise.

„Celler Scene“: So, wie man vielleicht von einem psychologisch geschulten Menschen (Psychologe, Psychotherapeut, Psychiater o. dgl.) annimmt, dass er auch Nicht-Probanden mehr oder weniger analysierend begegnet, könnte man auch meinen, dass Astrologen Ähnliches im Sinn haben. Versucht ein Astrologe, vom Charakter der Menschen, die ihm begegnen, auf deren Tierkreiszeichen zu schließen?

Martin A. Banger: Das hĂ€ngt von der Person des Astrologen ab. So wie ein guter Psychotherapeut sich nicht spontan mit den Problemen von Menschen befasst, denen er auf einer Party begegnet, sollte ein Astrologe dies auch nicht tun. NatĂŒrlich fĂŒhrt die BeschĂ€ftigung mit der Astrologie – und anderen Systemen – zu einer anderen Art, Dinge wahrzunehmen und zu kategorisieren. Aber das macht der Mann von der Bausparkasse und die Frau von der Autovermietung genauso. „Oh, ein HĂ€uslebauer!“, „Ah, ein Mercedes-Fahrer!“ Und wenn wir ganz genau hinsehen, machen wir das alle so. Menschen in Kategorien einzuordnen, ist eine menschliche Eigenschaft. Die Kunst des Beraters besteht darin, Kategorien bewusst zu nutzen und sich gleichermaßen davon zu lösen. TatsĂ€chlich bin ich im Erraten von Tierkreiszeichen nicht so versiert und ich halte das Tierkreiszeichen selbst auch nicht fĂŒr den wesentlichen Teil eines Horoskopes.

„Celler Scene“: Ist es manchmal nicht ein wenig nĂŒchtern, lediglich auf Basis von nackten Tatsachen (Geburtsdatum, Geburtszeit, Geburtsort) das Bild eines Menschen zu zeichnen, dessen sozialen Hintergrund man gar nicht kennt? Denn gerade Letzterer dĂŒrfte ja doch maßgeblich fĂŒr den Werdegang eines Menschen verantwortlich sein – vielleicht sogar mehr noch als das Schicksal, dass die Sterne ihm aufoktroyieren wollen ...

Martin A. Banger: Wenn ich nichts weiter von jemandem weiß als die Geburtsdaten, kann ich etwas ĂŒber Strukturen aussagen, die im Leben der betreffenden Person eine Rolle spielen. Vorlieben und Abneigungen. Das Temperament. Ist dies ein aktiver, ein sinnlicher, ein emotionaler oder ein kommunikativer Typ oder eine Mischung aus einigen dieser Seiten? Und ich kann etwas ĂŒber die Zyklen im Leben dieses Menschen erkennen. Wann ist die Zeit reif fĂŒr berufliche Entscheidungen, wann gibt es Krisen, wann mĂŒssen Freundschaften geklĂ€rt werden? Wann ist es Zeit fĂŒr einen Neuanfang, wann fĂŒr einen RĂŒckzug. Was ich ohne weitere Informationen nicht kann, ist, dem oder der Betreffenden bei konkreten Entscheidungen weiterzuhelfen. Man sieht im Horoskop zum Beispiel, wann eine gute Zeit fĂŒr eine Weiterbildung ist, man sieht aber nicht, welche Weiterbildung dies sein sollte. Da kommt der Faktor Sozialisation ins Spiel, frĂŒhere Entwicklungen spielen eine Rolle. Hier muss der Astrologe die Ebene der Daten verlassen und GesprĂ€che fĂŒhren. Einem Menschen aus einem fremden Kulturkreis kann ich in der Regel nicht weiterhelfen. Überhaupt kann ich einem Klienten nur AnstĂ¶ĂŸe geben, wenn ich seine Situation, sein Wertesystem nachvollziehen kann. Doch das gilt fĂŒr einen Psychologen genauso.

„Celler Scene“: Was regiert uns mehr: Schicksal oder soziale PrĂ€gung?

Martin A. Banger: Wir können genauso gut fragen: „Sind es die Gene oder ist es die Erziehung, was uns zu dem macht, was wir sind?“ Abgesehen davon, dass dies die Frage ist, die einen Ratsuchenden nun wirklich am wenigsten quĂ€lt und nur die Theoretiker unter uns beschĂ€ftigt, denke ich, dass wir es uns einfach machen sollten und nach der Maxime verfahren dĂŒrfen, die da lautet: „sowohl als auch“. Ein Teil unseres Lebens ist vorherbestimmt, ein Teil wird geprĂ€gt durch Erziehung, Kultur, Zeitgeist. Dass ich an diese Dichotomie, an diese Zweigleisigkeit des Lebens nicht wirklich glaube, ist ein anderes Thema und wĂŒrde hier viel zu weit fĂŒhren. Und dass ich als Astrologie nicht glaube, dass Sterne und Planeten irgendetwas bewirken und uns also auch nichts aufoktroyieren, mag viele ĂŒberraschen. Aber das, was in der Astrologie ,wirkt‘, ist nicht irgendwo dort draußen, sondern Teil von uns.

„Celler Scene“: Man stĂ¶ĂŸt immer wieder auf Behauptungen, dass bestimmte Zeichen besser zueinander passen als andere. Wie verhĂ€lt es sich damit? Sollte man als Krebs nach einem Fische-Menschen Ausschau halten und den Löwen aus dem Weg gehen, wenn man einen Partner sucht?

Martin A. Banger: Diese Aussagen sind richtig und falsch zugleich. Wenn die Astrologie Krebs und Fische als kompatible Zeichen beschreibt, meint sie damit die Grundenergie dieser Zeichen und nicht den betreffenden Menschen. Im Horoskop einer Person spielen viele Faktoren eine Rolle, der Aszendent steht meist in einem ganz anderen Zeichen als die Sonne, der Mond in einem weiteren Zeichen. Wenn wir das Zusammenspiel aller Horoskop-Faktoren untersuchen, lassen sich durchaus SchlĂŒsse auf den passenden Partnertyp ziehen. Ich sage dann vielleicht: „Zu dir passt am besten jemand mit viel Luftenergie, aber ein wenig Feuer sollte er oder sie auch besitzen.“ Letztendlich wird die zwischenmenschliche Anziehung bei der Partnerwahl entscheiden und nicht das Wissen um das Tierkreiszeichen. In der Praxis zeigt sich tatsĂ€chlich, dass manche Tierkreiszeichen-Verbindungen in Partnerschaften hĂ€ufiger auftreten als andere und dass bestimmte Verbindungen immer wieder mit den gleichen Herausforderungen zu tun haben.

„Celler Scene“: In allen möglichen tagesaktuellen Medien finden sich immer wieder auch Tages-Horoskope. Viele Menschen, mit denen man sich ĂŒber die QualitĂ€t dieser speziellen Horoskope unterhĂ€lt, sind sehr skeptisch, zumal die Aussagen in unterschiedlichen Medien auch sehr unterschiedlich ausfallen. Liegt das an unterschiedlicher Auslegung der Sternenkonstellationen oder sind Tageshoroskope lediglich das Ergebnis simpler Computer-Programme, die per Zufallsgenerator beliebige Aussagen zum Besten geben? Kann die Astrologie wirklich so punktgenau prognostizieren?

Martin A. Banger: Astrologie ist im Grunde ein Sammelbegriff fĂŒr sehr verschiedene Methoden, die sich zum Teil sogar widersprechen.
Viele seriöse Astrologen lehnen die Zeitungs-Astrologie generell ab, da hier nur mit sehr groben Berechnungsgrundlagen gearbeitet werden kann – sofern dies ĂŒberhaupt gemacht wird. Ja, es stimmt, viele Medien sparen sich den Astrologen und lassen das Horoskop reihum von der Redaktion verfassen, auch Zufallsgeneratoren soll es geben. Als Astrologe erkennt man meistens, ob die Texte etwas mit einer aktuellen Konstellation zu tun haben. Doch selbst der beste Astrologe wird mit einem Zeitungs-Horoskop natĂŒrlich nur den idealisierten Vertreter des betreffenden Zeichens ansprechen können. Wenn sich mehr als die HĂ€lfte der Angesprochenen in den Texten wiederfindet, ist das schon ein gutes Ergebnis. Das ist natĂŒrlich auch der Grund, warum diese Texte sehr viel allgemeiner gehalten sind als ein persönliches astrologisches Gutachten, bei dem es ‚richtig zur Sache‘ geht.
Die Astrologie geht auf eine große Spannbreite von BedĂŒrfnissen ein. Am einen Ende der Bedarfsskala finden wir die punktgenauen Berechnungen fĂŒr den idealen Zeitpunkt zum Beispiel eines OP-Termins, am anderen Ende geht es um den Wunsch nach einem schnellen Orakel, das bestenfalls einen Denk- oder Handlungsanstoß geben kann.

„Celler Scene“: Vielen Dank, Martin, fĂŒr deine interessanten AusfĂŒhrungen.


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GeÀndert:  05 / 2020