„Celler Scene“

Wissen, was los ist ...

BUCHBESPRECHUNGEN
im Jahr 2016



(Abb.: N. N.)


 Rezensionen von Martin Banger 


„Atlas der LĂ€nder, die es nicht gibt“
von Nick Middleton

Ein Kompendium ĂŒber 50 nicht anerkannte und weithin unbekannte Staaten

Nick Middleton lehrt Geographie am „St. Anne's College“ der UniversitĂ€t von Cambridge und hat mehrere BĂŒcher zu Themen wie Reisen, Umwelt und Lebensbedingungen in extremen Klimazonen veröffentlicht. In seinem „Atlas der LĂ€nder, die es nicht gibt“ widmet er sich den Staaten, die nur fĂŒr kurze Zeit existierten und wieder in Vergessenheit geraten sind und solchen, die niemals als Staat anerkannt wurden. Und davon gibt es eine ganze Menge, mehr als hier aufgelistet werden konnten, doch bereits diese Auswahl zeigt, dass die Entwicklung hin zu einem international anerkannten Staat sehr verschieden ablaufen kann und eben nicht immer gelingt. So gibt es unzĂ€hlige UnabhĂ€ngigkeitsbestrebungen, die bereits die Existenz eines eigenen Landes ausgerufen haben, jedoch nie von der internationalen Staatengemeinschaft anerkannt wurden. Eines der bekannteren Beispiele ist Westsahara, ein Land, das seit 1974 fĂŒr seine Anerkennung kĂ€mpft; es gibt daneben auch kuriose FĂ€lle, in denen Einzelpersonen aus Unzufriedenheit mit der Politik ihrer Regierung einen eigenen Staat ausgerufen haben, wie dies zum Beispiel 1970 der Farmer Leonard Casley tat, um gegen die Entscheidung Australiens vorzugehen, den Weizenanbau zu beschrĂ€nken. Selbst heute noch gibt es Spannungen zwischen dem von Casley ausgerufenen Staat „Hutt River“ und der australischen Regierung.

Mehrmals wurde Australien durch „Hutt River“ bereits der Krieg erklĂ€rt und die Post fĂŒr diese Enklave wird ĂŒber Kanada abgewickelt. Vom umstrittenen Status Tibets haben die meisten Menschen hierzulande schon etwas gehört oder gelesen – wer aber kennt „Mayotte“, weiß, wo „Transnistrien“ liegt oder welche Volksgruppe „Azawad“ fĂŒr sich beansprucht? Middletons Atlas bietet eine FĂŒlle spannender Informationen ĂŒber UnabhĂ€ngigkeitsbetrebungen und viel Anekdotisches aus aller Welt. Besonders spannend macht dieses Buch aber die aufwĂ€ndige Gestaltung: FĂŒr jeden vorgestellten ‚Staat‘ gibt es eine einleitende Doppelseite, auf der die Umrisse des betreffenden Gebietes ausgestanzt dargestellt sind. Erst nach dem UmblĂ€ttern der Seite wird die geograpische Lage offenbar, um die es geht. Wer dieses Buch aufschlĂ€gt, wird es so schnell nicht wieder aus der Hand geben.

Nick Middleton: Atlas der LĂ€nder, die es nicht gibt.
LĂŒbbe, 240 Seiten, 32,00 €.


„Cash Club“
von Ben Berkeley

Vier kalifornische Jugendliche malen sich aus, wie es wĂ€re, an das ganz große Geld zu gelangen. Alex, Josh, Stan und Brian kennen sich seit der High School und treffen sich regelmĂ€ĂŸig, um an ihrem Plan zu arbeiten. WĂ€hrend ihre Altersgenossen ihre Zukunft im Silicon Valley sehen, haben die vier sich dafĂŒr entschieden, die besten GeldfĂ€lscher der Welt zu werden, um ihren 30. Geburtstag als MultimillionĂ€re feiern zu können. Was als Teenie-Fantasie beginnt, wird nie ganz aufgegeben und ĂŒber die Jahre weiterverfolgt. Der Probelauf mit gefĂ€lschten Tickets ist bereits ein großer Erfolg, doch um in die oberste Liga aufzusteigen bedarf es handfester Kenntnisse. Also beschließen die vier Mitglieder des „Cash Club“, Berufe zu ergreifen, die ihnen beim Erreichen des großen Ziels nĂŒtzlich sein können: Josh geht nach Deutschland, um dort eine Ausbildung zum Drucker zu absolvieren, Brain studiert Informatik in Stanford, Stan geht zur Polizei und Alex wird Croupier in Atlantic City, um Kontakte zu GeldwĂ€schern zu knĂŒpfen. Schließlich gelingt dem Team, wovon es seit vielen Jahren trĂ€umt: Dollar-BlĂŒten herzustellen, die selbst der Fachmann kaum von echten unterscheiden kann. Doch der „Cash Club“ bringt so große Mengen dieser BlĂŒten in Umlauf, dass die Sache bald auffĂ€llt und ihnen „FBI“ und „CIA“ auf den Fersen sind. Die Story beruht auf einer wahren Begebenheit, die Ben Berkeley spannend umgesetzt hat.

Ben Berkeley: Cash Club.
Droemer, 576 Seiten, 14,99 €.


„Das Feuer der Freiheit“
von Lyndsay Faye

Nach „Der Teufel von New York“ und „Die EntfĂŒhrung der Delia Wright“ beendet „Das Feuer der Freiheit“ diese Trilogie. 1848 wird New York beherrscht von Unruhen und UmbrĂŒchen. Die Arbeiter kĂ€mpfen fĂŒr ihre Rechte und auch die Frauenrechtsbewegung gewinnt immer mehr Zulauf. Immer wieder kommt es zu großen BrĂ€nden in der Stadt, und man ist ĂŒberzeugt, dass ein Feuerteufel oder sogar eine Teufelin umgeht. Als eine Fabrik des Stadtrats und Unternehmers Robert Symmes in Flammen aufgeht, geraten zunĂ€chst die Arbeiterinnen unter Verdacht, dann die Frauenrechtlerin Sally Woods, seine ehemalige Geliebte, die Symmes als Ausbeuter anprangert und ihm droht, seine Fabriken in Brand zu setzen. Der Stadtrat wendet sich ausgerechnet an den Polizisten Timothy Wilde, der seine Eltern bei einem Brand verloren hat und dessen Gesicht immer noch von den damaligen Verletzungen gezeichnet ist. Wilde's Bruder Valentin ist ebenfalls in der Politik aktiv und konkurriert gegen Symmes um das Amt des Stadtrates. Von ihm erfĂ€hrt er HintergrĂŒnde ĂŒber die Korruption in New York und den Machtmissbrauch von Politikern und GeschĂ€ftsleuten. Der Kreis der infrage kommenden TĂ€ter wird immer unĂŒbersichtlicher und Wilde gerĂ€t wieder einmal zwischen alle Fronten.

Lyndsay Faye: Das Feuer der Freiheit.
DTV, 528 Seiten, 15,99 €.


„Das große Buch vom Fermentieren“
von Mary Karlin

Grundlagen, Anleitungen und 100 Rezepte

Immer mehr Menschen interessieren sich dafĂŒr, einen Teil ihrer Nahrungsmittel selbst herzustellen oder zu verarbeiten. Zu Themen wie Backen, Kochen oder GemĂŒseanbau gibt es unzĂ€hlige Werke und Anleitungen. Die Fermentation – die Umwandlung natĂŒrlicher Produkte durch Mikroorganismen – wird in vielen Grundlagenwerken mitaufgefĂŒhrt, allerdings meist nur am Rande und nirgendwo in der FĂŒlle und AusfĂŒhrlichkeit, wie Mary Karlin es hier ĂŒbernommen hat. In den ĂŒber 70 aufgefĂŒhrten Rezepten befinden sich einige sehr einfach gehaltene, um den Einstieg in das Thema zu erleichtern. Den eigenen Essig oder Senf herzustellen, dĂŒrfte auch der ungeĂŒbten KĂŒchenfee auf Anhieb gelingen. Danach aber geht es im wahrsten Sinne des Wortes ans Eingemachte: Mayonnaise, Meerettichpaste, koreanischer Kimchi und selbst das hierzulande so berĂŒhmte Sauerkraut lassen sich nicht nach BauchgefĂŒhl herstellen – die hier beschrieben und bebilderten genauen Anleitungen sind die Mindestvoraussetzung fĂŒr gutes Gelingen. Wer sich an das japanische Nuka-Verfahren zum Fermentieren von GemĂŒse heranwagen will, sollte allerdings schon eine gewisse Experimentierfreude mitbringen. Auch zum Thema KĂ€seherstellung gibt es eine Reihe einfacher Rezepte, die die Grundlagen vermitteln, und solche, wie der ZiegenkĂ€se im Aschemantel, die erst in Angriff genommen werden sollten, wenn erstere erfolgreich durchgefĂŒhrt wurden. Fermentierte Produkte sind nicht nur lĂ€nger haltbar als die unfermentierten Ausgangsstoffe, sondern auch leichter verdaulich, gesundheitsfördernd und geschmacklich außerordentlich bereichernd. Die biologisch unterschiedlichen Fermentationsarten werden beschrieben, das nötige Zubehör aufgefĂŒhrt und Bezugsquellen fĂŒr einige der Hilfsstoffe genannt, die im Handel nicht so leicht zu finden sind. Ein gelungener Text- und Bildband, der AnfĂ€nger und Profis gleichermaßen anspricht.

Mary Karlin: Das große Buch vom Fermentieren.
AT Verlag, 256 Seiten, 26,95 €.


„Das Labyrinth der Spiegel“
von Andrea Camilleri

Commissario Montalbano wagt sich in gefÀhrliche Gefilde

Inzwischen hat der jetzt 90-jĂ€hrige Autor 23 BĂ€nde um seinen Commissario Montalbano veröffentlicht; dies ist allerdings erst der 18., der in deutscher Übersetzung erscheint. Diesmal hat der auf Sizilien ermittelnde Commissario es mit einer Reihe verwirrender Ereignisse zu tun, die ihn jede fĂŒr sich vor ein RĂ€tsel stellen und immer wieder zu falschen SchlĂŒssen verleiten. Eine Bombenexplosion bildet den Auftakt zu dieser Serie rĂ€tselhafter Vorkommnisse: Wieso wird ein Sprengsatz vor einer leerstehenden Lagerhalle gezĂŒndet? Niemand wurde verletzt und es entstand nur geringer Sachschaden. Montalbano geht zunĂ€chst von einer Warnung durch einen Schutzgeld-Eintreiber aus, doch der Besitzer der Halle versichert ihm glaubhaft, dass dies nicht der Fall sei. Auch auf eine Kugel, die in seiner BeifahrertĂŒr entdeckt wird, kann Montalbano sich keinen Reim machen – ihm kann das Geschoss ja kaum gegolten haben. Noch mehr verwirrt ihn aber seine Bekanntschaft mit der neuen Nachbarin Liliana Lombardo. Jeden Morgen nimmt er die attraktive Frau mit in die Stadt, da ihr Wagen von Unbekannten beschĂ€digt wurde. StĂ€ndig kreuzen sich ihre Wege, und schon bald beginnt Liliana, dem Commissario schöne Augen zu machen. Doch langsam begreift Montalbano, dass jemand bemĂŒht ist, falsche FĂ€hrten zu legen und dass möglicherweise auch die schöne Nachbarin in dieses Vorhaben verwickelt sein könnte. Er erzĂ€hlt seinem Mitarbeiter Fazio von der berĂŒhmten Szene aus dem Film „Die Lady von Shang­hai“, als die beiden Hauptdarsteller durch das Spiegelkabinett irren und niemand wirklich wissen kann, wo der andere sich gerade befindet ...

Andrea Camilleri: Das Labyrinth der Spiegel.
Bastei-LĂŒbbe, 256 Seiten, 22,00 €.


„Das Spiel des Poeten“
von Andrea Camilleri

Commissario Montalbano liest zwischen den Zeilen

Commissario Montalbano langweilt sich, weil es in Vigata nichts fĂŒr ihn zu tun gibt. Doch kaum beschließt er, die ereignislose Zeit zu nutzen, um seine Freundin Livia zu besuchen, kommt natĂŒrlich was dazwischen. Ein greises Geschwisterpaar sorgt fĂŒr Aufregung, es schießt auf alles, was sich ihrem Haus nĂ€hert. Religiöser Wahn soll eine Rolle spielen; die beiden Alten werden nach einem spektakulĂ€ren Einsatz des Commissarios in die Psychiatrie eingewiesen. In ihrem Haus findet man unter anderem eine auffĂ€llig verunstaltete Gummipuppe. ZunĂ€chst nimmt Montalbano diese nur als KuriositĂ€t am Rande wahr, doch als eine zweite, Ă€hnlich zugerichtete Puppe in Vigata gefunden wird, ist sein Interesse geweckt. WĂ€hrend er noch ĂŒber einen möglichen Zusammenhang grĂŒbelt, erreichen ihn nach und nach mehrere anonyme Botschaften. Jemand scheint ihn in wenig geglĂŒckten Reimen auf eine Spur fĂŒhren zu wollen. Montalbano geht den Hinweisen nach, mehr aus Langerweile denn aus dienstlichem Interesse, doch schon bald wird ihm klar, dass es um ein handfestes Verbrechen geht. Es scheint um ein junges MĂ€dchen zu gehen, das vor Jahren spurlos verschwunden ist. Der 16. Band um Commissario Montalbano schlĂ€gt erfrischend aus der Reihe. Wem die AtmosphĂ€re inzwischen ein bisschen zu beschaulich vorgekommen ist, der wird mit einem ungewohnt actionreichen Ende ĂŒberrascht. Und dann die Gummipuppe – sie zieht sich wie ein Running-Gag durch die Geschichte. Mal ist sie mit Montalbano zusammen in den Nachrichten zu sehen, mal befindet sie sich unter seinem Bett ...

Andrea Camilleri: Das Spiel des Poeten.
LĂŒbbe, 272 Seiten, 19,99 €.


„Der Mittagstisch“
von Ingrid Noll

Nelly ist Mitte 30 und alleinerziehende Mutter von Simon und Caroline. Seit ihr amerikanischer Freund, der Vater ihrer Kinder, sie verlassen hat, muss sie sich allein ĂŒber Wasser halten. Eine Arbeit hat sie nicht, das Studium wurde vor langer Zeit abgebrochen. Eines der wenigen Dinge, die Nelly wirklich gut kann, ist kochen. Bei den regelmĂ€ĂŸigen Mittagessen mit einer alte Freundin kommt ihr die GeschĂ€ftsidee: warum nicht halbprofessionell einen Mittagstisch fĂŒr Freunde und Bekannte organisieren? Den idealen Platz dafĂŒr hat sie ja bereits durch ihr Erbe von den Großeltern, und kaum beginnt sie, ihre Idee umzusetzen, spricht sich die Sache auch so schnell herum, dass Nelly ihren Lebensunterhalt schon bald davon bestreiten kann. Das Finanzamt muss ja noch nicht informiert werden, schleßlich handelt es sich ja um eine Art Nachbarschaftshilfe. TĂ€glich trifft sich nun mittags ein kleiner, interessanter Kreis zum Essen bei Nelly, eine Gruppe, die zunĂ€chst ĂŒberwiegend aus MĂ€nnern besteht: ein Ă€lterer KapitĂ€n ist darunter, ein Sportlehrer, ein Versicherungsangestellter und der hilfsbereite und attraktive Elektriker Markus, der es Nelly besonders angetan hat. Eines Tages jedoch bringt Markus seine Freundin Grete mit, von deren Existenz Nelly bis dahin nichts geahnt hatte. Nelly ist schwer enttĂ€uscht, bis sie erfĂ€hrt, dass Grete eine Erdnuss-Allergie hat. Kaum hat Nelly das Problem auf ihre Weise gelöst, bahnt sich neuer Ärger an: jemand droht ihr mit einer Meldung beim Finanzamt und ihr Ex kĂŒndigt sich an, um den gemeinsamen Sohn mit nach Amerika zu nehmen. Doch Nelly erhĂ€lt tatkrĂ€ftige UnterstĂŒtzung aus dem Kreis ihrer MittagsgĂ€ste ...

Ingrid Noll: Der Mittagstisch.
Diogenes, 224 Seiten, 22,00 €.


„Der Trick“
von Emanuel Bergmann

Die Geschichte um den Zauberer Zabbatini wird uns aus zwei zeitlichen Perspektiven erzĂ€hlt, die sich immer wieder abwechseln. Einmal erleben wir den ungewöhnlichen Aufstieg des in Prag geborenen Mosche Goldenhirsch zu einem der berĂŒmtesten ZauberkĂŒnstler seiner Zeit, zum anderen erfahren wir, wie dieser als mĂŒrrischer alter Mann noch einmal von einem kleinen Jungen um einen ganz besonderen Zaubertrick gebeten wird. Etwas Magisches begleitete schon die Zeugung des Mosche Goldenhirsch – zu Beginn des ersten Weltkrieges befand sich sein Vater an der Front, als die Mutter schwanger wurde. Nach seiner RĂŒckkehr versuchte sie, den verwunderten Ehemann von einer unbefleckten EmpfĂ€ngnis zu ĂŒberzeugen. Mosche ist gerade 15, als er sich im Jahr 1934 einem Zauberzirkus anschließt, der auf dem Weg nach Deutschland ist. Obwohl dem Zirkus schon bald ein dramatisches Ende bevorsteht, macht Mosche Karriere als „Der Große Zabbatini“, zunĂ€chst in Berlin, spĂ€ter auf den VarietĂ©-BĂŒhnen in der ganzen Welt. In Berlin ist die Verfolgung der Juden an der Tagesordnung, als Star ist Mosche davon zunĂ€chst kaum betroffen. Doch am Schluss wird auch er verhaftet und gefoltert – seine Peiniger bitten ihn vor dem Transport ins KZ noch um ein Autogramm. Im Jahr 2007 lebt Mosche Goldenhirsch in einem Altenheim in Los Angeles. Der alte Mann hat den Glauben an das Leben schon lange verloren, als er Besuch bekommt von Max, einem zehnjĂ€hrigen Jungen, der sich einen besonderen Zauber von ihm erhofft – einen Liebeszauber fĂŒr seine Eltern, die kurz vor der Scheidung stehen. Der Kinder hassende Alte will zunĂ€chst nichts mit dem Jungen zu tun haben, wird aber immer mehr in die Geschichte hineingezogen. Am Ende entwickelt er seinen letzten großen, sehr erstaunlichen Trick.

Emanuel Bergmann: Der Trick.
Diogenes, 400 Seiten, 22,00 €.


„Der Untergrundmann“
von Ross Macdonald

Ross Macdonald lebte von 1915 bis 1983 und gehört zu den bekanntesten amerikanischen Kriminalautoren des 20. Jahrhunderts. Viele seiner Romane wurden verfilmt, derzeit erleben sie Neuauflagen in Großbritannien, Amerika und nun auch bei uns. Der Untergrundmann ist ein Krimiklassiker von 1971 in neuer Übersetzung, mit einem Nachwort von Donna Leon.

Es ist ein sehr heißer Sommer in Kalifornien, WaldbrĂ€nde bedrohen Teile des Landes. Detektiv Lew Archer hat einen freien Tag und begnet beim morgendlichen VogelfĂŒttern dem kleinen Ronny Broadhurst, der zusammen mit seiner Mutter seit einer Weile in der Nachbarschaft wohnt. Kurz darauf bekommt Archer mit, wie die Eltern des Jungen sich heftig streiten. Am Nachmittag meldet sich die Mutter bei ihm, da sie fĂŒrchtet, dass ihrem Sohn etwas zugestoßen sein könnte. Ronny war mit seinem Vater Stanley auf dem Weg zur Großmutter, doch jetzt fehlt von den beiden jede Spur. Die junge Mutter bittet den Detektiv, nach den beiden zu suchen; sie macht sich insbesondere Sorgen, da in der Gegend ein großer Waldbrand tobt. Archer findet heraus, dass Vater und Sohn zwar auf der Ranch der Großmutter angekommen sind, diese aber kurz darauf in Begleitung einer geheimnissvollen jungen Frau verlassen haben. Die Angelegenheit erscheint Archer zunĂ€chst als reiner Familienkonflikt, was sich Ă€ndert, als er die Leiche des Vaters findet. Von Ronny und der jungen Frau fehlt jede Spur. Als Archer Nachforschungen zu den beiden anstellt, stĂ¶ĂŸt er auf ein lange zurĂŒckliegendes Verbrechen und ein dunkles Familiengeheimnis. Spannung pur, ohne auf die krassen Bilder und Themen zuzugreifen, wie sie heute in Thrillern ĂŒblich sind.

Ross Macdonald: Der Untergrundmann.
Diogenes, 368 Seiten, 16,00 €.


„Die Logik der Tat“
von Alexander Horn

Ein Profiler auf der Spur von Mördern und SerientÀtern

Alexander Horn war Polizeikommissar im Dezernat fĂŒr Sexual- und Gewaltdelikte beim PolizeiprĂ€sidium MĂŒnchen und gehörte zum GrĂŒndungsteam des Pilotprojektes „TĂ€ter-Profiling“ der MĂŒnchner Mordkommission. Derzeit leitet er die Dienststelle fĂŒr Operative Fallanalyse, die TĂ€terprofile erstellt, wenn die Polizei mit anderen Methoden nicht weiterkommt. Wenn bei Menschen, die spurlos verschwunden sind, ein Verbrechen vermutet wird, bei EntfĂŒhrungen kein VerdĂ€chtiger existiert oder Serienmorde lange Zeit nicht aufgeklĂ€rt werden können, werden Alexander Horn und sein Team um Mithilfe gebeten. Hier schildert Horn anhand einer Reihe von Aufsehen erregenden KriminalfĂ€llen, wie die Fallanalyse angewandt wird, um herauszufinden, was Mörder motiviert und wie sie ĂŒberfĂŒhrt werden können. Eines der aufgefĂŒhrten Beispiele betrift den sogenanten Maskenmann, der erst 18 Jahre nach seinem ersten Mord gefasst werden konnte.

In der Fallanalyse geht es weniger um die Tat selbst als mehr um das, was im Kopf eines Mörders vor sich geht. Filme ĂŒber Serienmörder haben uns ein völlig falsches Bild darĂŒber vermittelt, wie Profiler arbeiten und auch darĂŒber, wie Mörder vorgehen und denken. In der Praxis handelt es sich um einen nĂŒchternen Beruf, der sich mit der Psyche von Verbrechern befasst, die die meiste Zeit ein ganz normales Leben fĂŒhren.
Auch auf einen anderen Aspekt der IrrefĂŒhrung durch die Medien weist Horn hin: Im Gegensatz zu dem, was die Berichterstattung ĂŒber grausame Verbrechen suggeriert, sind diese unter anderen in Deutschland, England und den USA stark rĂŒcklĂ€ufig.

Alexander Horn: Die Logik der Tat.
Knaur, 256 Seiten, 9,99 €.


„Die Schneelöwin“
von Camilla LĂ€ckberg

Dies ist der inzwischen neunte Band um Kommissar Patrik Hedström, der auch in seinem neuesten Fall wieder viel UnterstĂŒtzung durch seine Frau, die Schriftstellerin Erica Falck, erhĂ€lt. Seit Monaten wird nach der 15-jĂ€hrigen Victoria gesucht, doch als das MĂ€dchen wieder auftaucht, wird es von einem Auto angefahren und stirbt im Krankenhaus. Dort werden neben den Verletzungen durch den Unfall schwerste VerstĂŒmmelungen festgestellt – Victoria ist ganz offensichtlich grausam gefoltert worden. Erica Falck arbeitet ohnehin an einem neuen Buch zum Thema Gewalt in Familien und hatte fĂŒr ihre Recherchen bereits mehrmals eine Frau im GefĂ€ngnis interviewt, die wegen Mordes an ihrem Mann verurteilt wurde. Laila tötete vor vielen Jahren ihren Ehemann, nachdem dieser die gemeinsame Tochter mehrfach im Keller angekettet hatte. Kommissar Hedström bittet seine Frau, ihre Interviews weiterzufĂŒhren, da er sich davon verspricht, mehr ĂŒber die Psyche von Menschen zu erfahren, die Gewalt gegen Kinder ausĂŒben. Es besteht schließlich die Möglichkeit, dass ein Serienmörder am Werk ist, da in Schweden eine ganze Reihe von MĂ€dchen vermisst wird. Doch mit ihren Interviews gerĂ€t Erica Falck einer ganz anderen Sache auf die Spur ...

Camilla LÀckberg: Die Schneelöwin.
List, 448 Seiten, 19,99 €.


„Die Verschwundenen von Jakobsberg“
von Tove Alsterdal

In dem kleinen Ort Jakobsberg, in der NĂ€he von Stockholm, stĂŒrzt eine junge Frau vom Balkon in den Tod. Kurz darauf umringen Passanten ihre auf dem Asphalt liegende Leiche. Ein Nachbar erkennt, dass es sich um Camilla handelt, die ohne festen Partner lebte. Am Abend zuvor hatte sich Camilla in einer Kneipe zu einem ‚Blind Date‘ verabredet, ging am Schluss aber mit einem anderen Mann nach Hause. Auf dem Heimweg kam es zu einem kurzen Wortgefecht mit einem Obdachlosen, der dem Paar eine Weile folgte und es beobachtete. Camilla's Schwester Helene muss den Nachlass regeln und beginnt, die Wohnung auszurĂ€umen. Dabei stellt sie fest, dass Camilla erst vor kurzem in SĂŒdamerika war, ohne ihr davon zu erzĂ€hlen. Offenbar suchte ihre Schwester immer noch nach der Mutter, die 1978 nach Argentinien gegangen war und dort spurlos verschwand. Ing-Marie, die Mutter von Camilla und Helene, war 27 Jahre alt, als sie sich in einen jungen Argentinier verliebte und ihm in dessen Heimat folgte, um dort gegen die Pinochet-Diktatur zu kĂ€mpfen. Das Schicksal mehrerer tausend Menschen, die damals verschwanden, ist bis heute ungeklĂ€rt, so auch das von Ing-Marie. Nun beginnt auch auch Helene, Nachforschungen anzustellen. Könnte es sein, dass der Tod ihrer Schwester in Verbindung steht mit dem Verschwinden der Mutter? Helene entdeckt, dass Camilla eine konkrete Spur verfolgte, die sie in große Gefahr gebracht haben musste. Sie entschließt sich, dieser Spur ebenfalls zu folgen.

Tove Alsterdal: Die Verschwundenen von Jakobsberg.
LĂŒbbe, 592 Seiten, 15,00 €.


„Dreimal tote Tante“
von Krischan Koch

In „Dreimal tote Tante“ hat Dorfpolizist Thies Detlefsen nun seinen vierten schweren Fall zu knacken. Das idyllische nordfriesische Dorf FredenbĂŒll liegt nahe der dĂ€nischen Grenze, und hier ist nun wirklich selten was los. Doch jetzt wird das verschlafene Örtchen von einer spektakulĂ€ren Verbrechensserie heimgesucht: Auf ihrem Nachhauseweg vom Landfrauentreffen wird Pensionswirtin Renate auf dem Deich ĂŒberfallen und wacht angekettet in einem dunklen Kellerverlies wieder auf. Ihre GĂ€ste sind die ersten, die Renate vermissen, immerhin steht das FrĂŒhstĂŒck nicht wie gewohnt auf dem Tisch. Kaum macht man sich auf die Suche nach ihr, entdeckt ein kleiner Junge die Leiche einer Frau, die im Jauchebecken des SchweinezĂŒchters Schlotfeldt treibt. Renate ist es nicht, auch die zweite Tote, die man aus der GĂŒllegrube birgt, kann ihr nicht zugeordnet werden. FĂŒr Wachtmeister Detlefsen ist der Fall klar: ein Serienmörder treibt sein Umwesen in FredenbĂŒll. Er kann das beurteilen, schließlich hat er eben erst ein Profiling-Seminar besucht. Doch nicht nur der Fall selbst bereitet Thies Detlefsen Kopfzerbrechen – er bekommt es auch mit seiner eifersĂŒchtigen Ehefrau zu tun, da ihm die Kieler Kommissarin Nicole Stangenbeck zur Seite gestellt wird. Im Dorf nimmt die GerĂŒchtekĂŒche klein Ende. Mal wird der Landfrauenverein als heißer Tip fĂŒr das Verschwinden von Renate gehandelt, mal Bauer Schlotfeldt, der bekannt dafĂŒr ist, seine Frau frĂŒher geschlagen zu haben. Die neuesten Informationen zum Fall werden durchgehend in der „Hidden Kist“, der örtlichen Imbissbude diskutiert. Am liebsten bei einer „Toten Tante“, einem Kakao mit Rum und SahnehĂ€ubchen.

Krischan Koch: Dreimal tote Tante.
DTV, 288 Seiten, 9,95 €.


„Eisenberg“
von Andreas Föhr

Nach seiner erfolgreiche Reihe um das Ermittler-Duo Wallner und Kreuthner beginnt Andreas Föhr nun eine neue Krimiserie, in der die RechtsanwĂ€ltin Rachel Eisenberg die zentrale Rolle spielt. Dr. Eisenberg leitet zusammen mit ihrem ehemaligen Mann eine erfolgreiche Kanzlei fĂŒr Strafverfahren in MĂŒnchen. Das Anwaltspaar ist frisch geschieden, die 13-jĂ€hrige Tochter lebt bei der Mutter, was der den Alltag nicht gerade erleichtert, und nun hat Rachel auch noch einen Fall ĂŒbernommen, der sie mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Eine junge obdachlose Frau wendet sich an die RechtsanwĂ€ltin, weil ihr Freund, der ebenfalls auf der Straße lebt, beschuldigt wird, die Studentin Johanna Mend auf grausame Weise umgebracht zu haben. Als Rachel das Mandat fĂŒr den Obdachlosen ĂŒbernimmt, geht sie zunĂ€chst von einem Routinerverfahren aus. Doch als sie ihrem neuen Mandanten zum ersten Mal begegnet, muss sie betroffen feststellen, dass sie diesen aus ihrer Studentenzeit kennt, und zwar mehr als nur flĂŒchtig: Es handelt sich um einen frĂŒheren Geliebten von ihr, den Physik-Professor Heiko Gerlach. Rachel ist von Gerlach's Unschuld so gut wie ĂŒberzeugt und beginnt mit eigenen Nachforschungen, die die Sache schon bald in einem völlig anderen Licht erscheinen lassen.

Andreas Föhr: Eisenberg.
Knaur, 512 Seiten, 14,99 €.


„Fuchskind“
von Annette Wieners

Nach „Kaninchenherz“ ist dies der zweite Band um die ehemalige Polizistin Gesine Cordes, die nun als FriedhofsgĂ€rtnerin arbeitet. Der Grund fĂŒr ihren ungewöhnlichen beruflichen Wechsel war die Krise, die sie nach dem Tod ihres kleinen Sohnes durchmachte. Genau zehn Jahre ist es her, dass der durch eine Giftpflanze ums Leben kam. Jetzt, an einem grauen Morgen im Herbst, hat Gesine gerade damit begonnen, auf dem Friedhof, auf dem sie arbeitet, Laub zu harken, als sie die Schreie eines Babys hört. Außer ihr befindet sich anscheinend niemand auf dem Platz, und wĂ€hrend sie herauszufinden versucht, woher die Schreie kommen, spulen sich in ihr die Ereignisse von vor zehn Jahren ab. Unter einem Busch findet sie eine Schale mit einem SĂ€ugling, der bereits blau angelaufen ist. So schnell sie kann fĂ€hrt sie mit ihm ins Krankenhaus. WĂ€hrend sie auf die Ergebnisse der Untersuchung wartet, trifft die Polizistin Marina Olbert ein, um Gesine als Zeugin zu befragen. Doch es geht nicht um das Findelkind – Olbert ist von der Mordkommission und recherchiert im Fall einer Frauenleiche, die in der NĂ€he des Friedhofs gefunden wurde. Handelt es sich möglicherweise um die Mutter des Babys? Gesine beschließt, eigene Ermittlungen anzustellen. Als sie bald darauf bemerkt, dass sie beschattet wird, ist ihr klar, das sie sich lĂ€ngst in Gefahr begeben hat.

Annette Wieners: Fuchskind.
List, 352 Seiten, 9,99 €.


„I am Death – Der Totmacher“
von Chris Carter

Dies ist der siebte Fall fĂŒr die Detectives Dr. Robert Hunter und Carlos Garcia vom Gewaltdezernat Los Angeles. Wie in den vorausgehenden BĂ€nden geht es auch hier wieder sehr hart und direkt zu. Kaum haben die beiden Ermittler ihren letzten Fall zu den Akten gelegt, wird Hunter damit konfrontiert, dass sein Partner die Arbeit aufgeben und aus der Stadt wegziehen will. Als die beiden kurz darauf von ihrer Chefin zu einem neuen Einsatz gerufen werden, lösen sich diese PlĂ€ne allerdings umgehend in Luft auf. In der NĂ€he des Flughafens wurde die Leiche einer jungen Frau brutal zugerichtet aufgefunden – was fĂŒr die Polizei in Los Angeles zum TagesgeschĂ€ft gehört, kommt den beiden Detectives jedoch von Anfang an außergewöhnlich vor. Die Leiche ist auf merkwĂŒrdige Weise zu einer sternförmigen Figur arrangiert worden, in ihrem Hals findet sich ein Zettel mit einer Nachricht, geschriebenen mit Blut: „Ich bin der Tod“. Die IdentitĂ€t der Frau wird schnell geklĂ€rt, doch es findet sich keinerlei Hinweis, der die HintergrĂŒnde der Tat erhellen könnte. Hunter und Garcia gehen von einem Serienmörder aus, und tatsĂ€chlich taucht schon am nĂ€chsten Tag eine weitere Frauenleiche mit der gleichen unheimlichen Botschaft auf: „Ich bin der Tod“. Der TĂ€ter scheint den Kontakt zu den Ermittlern regelrecht zu suchen, doch die tappen lange Zeit völlig im Dunkeln.

Chris Carter: I am Death – Der Totmacher.
Ullstein, 384 Seiten, 9,99 €.


„Irisches VerhĂ€ngnis“
von Hannah O'Brien

Nachdem die Polizistin Grace O'Malley fĂŒnf Jahre in DĂ€nemark, dem Heimatland ihrer Mutter gelebt hat, kehrt sie zurĂŒck nach Galway in Irland. Aufgrund ihrer Beziehungen – ihr Onkel Jim ist ein einflussreicher Politiker – erhĂ€lt sie den Posten der Leitung des Morddezernats. Von Anfang an ist der Neubeginn in ihrem Leben von Spannungen und Turbulenzen begleitet. Ein Mitarbeiter steht ihr feindselig gegenĂŒber, und kaum ist sie im Amt, hat sie auch schon mit einem undurchsichtigen Mordfall zu tun. Die Leiche einer Studentin ist in einer Geisterbahn aufgefunden worden. Die junge Annie hatte Meeresbiologie studiert und wollte promovieren. Um ihr Studium zu finanzieren und auch noch ihre behinderte Schwester unterstĂŒtzen zu können, hat Annie Putzjobs in mehreren wohlhabenden Familien angenommen. Bei den Befragungen in diesen Familien stoßen die Ermittler kaum auf neue Informationen sondern fast schon auf eine Mauer des Schweigens. Als Grace und ihr Team damit beginnen, auch Annie's Freunde und Verwandte zu befragen, werden zwei der ehemaligen Arbeitgeber ebenfalls ermordet. Und dann taucht ein ungewöhnlich hoher Geldbetrag auf Annies Konto auf, der sich allein aus ihren PutztĂ€tigkeiten nicht erklĂ€ren lĂ€sst. Da Grace und ihre Mitarbeiter mit dem Fall nicht weiterkommen, sehen sie sich gezwungen, zu Maßnahmen zu greifen, die nicht immer ganz den Vorschriften entsprechen. Als auch noch ihre Tochter Roisin spurlos verschwindet, gerĂ€t Grace in einen Entscheidungskonflikt – soll sie sich vorrangig um die Mordserie kĂŒmmern oder erst mal ihrer Tochter nachforschen.

Hannah O'Brien: Irisches VerhÀngnis.
DTV, 416 Seiten, 9,95 €.


„Kindeswohl“
von Ian McEwan

Richterin Fiona Maye ist spezialisiert auf Scheidungen, Sorgerecht und auf FĂ€lle, in denen es um den Schutz des Kindeswohls geht. Sie selbst ist seit ĂŒber dreißig Jahren glĂŒcklich verheiratet; die Ehe ist allerdings kinderlos geblieben. DafĂŒr geht Fiona in ihrer Arbeit auf, sie gilt als kompetent und routiniert. Doch das geordnete Leben der angesehene Familienrichterin am Londoner High Court gerĂ€t aus den Fugen, als ihr Mann Jack ihr offenbart, dass er eine Geliebte hat. Dies passiert ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, da sich die schwierigen FĂ€lle in ihrem Gerichtssaal die Klinke in die Hand geben. WĂ€hrend Fionas Glaube an ihr Lebenskonzept ins Wanken gerĂ€t, wird sie beruflich mit Konflikten konfrontiert, deren Ursprung im Festhalten an traditionellen religiösen Werten liegt. Ein orthodoxer Jude akzeptiert es nicht, dass seine Frau und seine Töchter aus der Rolle ausbrechen wollen, die sie aufgrund ihres Glaubens zu erfĂŒllen haben; ein muslimischer Vater hatte seine Tochter nach Marokko entfĂŒhrt, um sie nach islamischer Tradition erziehen zu können, ein katholisches Paar will ihr siamesisches Zwillingspaar eher sterben lassen, als sich fĂŒr das Leben eines der beiden zu entscheiden. Und dann sind da noch die Zeugen Jehovas, die ihrem Sohn die Bluttransfusion verbieten, die sein Leben retten könnte. In letzteren Fall stĂŒrzt sich Fiona mit viel persönlichem Engagement. WĂ€hrend ihr Mann quasi um die Erlaubnis fĂŒr seine AffĂ€re bittet und das Paar sich vorerst rĂ€umlich trennt, muss Fiona sich zusammenreißen, um in ihrem Beruf weiter bestehen zu können. Als sie nichts gegen den Zusammenbruch ihrer Ehe tun kann, versucht sie, wenigstens das Leben des 17-jĂ€hrigen Adam zu retten. Je mehr sich Fiona und Jack voneinander entfernen, desto mehr nĂ€hern sie und Adam sich an. Adam, der zunĂ€chst noch die Werte und Entscheidungen seiner Eltern teilt, beginnt, diese infrage zu stellen. Zwischen ihm und Fiona scheint sich eine persönliche Beziehung anzubahnen ...

Wieder einmal ist es Ian McEwan gelungen, in einer relativ kurzen Story außerordentlich komplexe VerhĂ€ltnisse zu zeichnen.

Ian McEwan: Kindeswohl.
Diogenes, 224 Seiten, 12,00 €.


„KĂŒstenstrich“
von Benjamin Cors

Dies ist der zweite Band um den Bodyguard Nicolas Guerlain. Bereits in „Strandgut“ musste sich der inzwischen in Paris lebende PersonenschĂŒtzer in seine Heimat, dem idyllischen Badeort Deauville in der Normandie, begeben. Diesmal wird er gebeten, einen Adeligen zu beschĂŒtzen, der mehrere annomyme Drohungen erhalten hat. Nach den Ereignissen, die sich bei seinem letzten Auftrag abspielten, hatte sich Nicolas aus seinem Job zurĂŒckgezogen, doch als sein alter Auftraggeber ihm mitteilt, dass er wieder in Deauville benötigt wird, willigt er ein. Schließlich ist er immer noch auf der Suche nach seiner alten Liebe Julie, die ihn vor drei Jahren verlassen hat. Der einflussreiche Graf von Tancarville benötigt Nicolas Dienste, da er die Botschaften, ihm mehrfach auf Zetteln ĂŒbermittelt wurden, erst nimmt: „Du wirst sehr bald sterben“. WĂ€hrend auf seinem Anwesen ein Treffen mit wichtigen Politikern des Landes stattfindet, soll Nicolas fĂŒr seine Sicherheit sorgen. Noch bevor der Bodyguard bei seinem neuen Kunden eintrifft, stĂ¶ĂŸt er auf einen Toten, die von einer BrĂŒcke hĂ€ngt. Kurz darauf wird bei einer zweiten Leiche eine Postkarte mit Nicolas' Telefonnummer gefunden. Die zunĂ€chst verwirrenden ErzĂ€hlfĂ€den verweben sich nach und nach zu einem einzigen, höchst spannenden Fall ...

Benjamin Cors: KĂŒstenstrich.
DTV, 384 Seiten, 15,90 €.


„Lebensgeister“
von Banana Yoshimoto

Die 30-jĂ€hrige Kunstkuratorin Sayoko ist mit ihrem Freund Yoichi auf dem RĂŒckweg von einem Ausflug unterwegs, als ein Unfall passiert. Ein von der Gegenfahrbahn abkommendes Fahrzeug prallt frontal mit ihrem Wagen zusammen. Yoichi, ein bereits bekannter KĂŒnstler, stirbt unmittelbar an der Unfallstelle, Sayoko wird schwer verletzt und kĂ€mpft mit dem Leben. WĂ€hrend ihres Komas hat sie ein Nahtoderlebnis und begegnet dort ihrem schon lange verstorbenen Großvater. Als Sayoko wieder zu sich kommt, hat sie nicht nur mit dem Schock und ihren Verletzungen zu kĂ€mpfen, sondern auch mit heftigen SchuldgefĂŒhlen. Zwei Jahre wird es dauern, bis sie wieder ein normales Leben fĂŒhren kann, zwei Jahre, die ihre körperlichen und seelischen Wunden brauchen werden, um auszuheilen. WĂ€hrend dieser Zeit geht sie jeden Abend in die gleiche Bar, der Barkeeper Shingaki wird ihr engster Vertrauter. Eines Tages lernt dort sie den jungen Ataru kennen, der in Begleitung seiner Mutter ist. Ataru allerdings ist in Trauer um seine kĂŒrzlich verstorbene Mutter, und Sayoko muss feststellen, dass sie die Geister der Toten sehen kann. Durch die Freundschaft mit Ataru findet Sayoko wieder zurĂŒck ins Leben. Sie zieht von zu Hause aus und wagt einen neuen Anfang. Eine einfĂŒhlsame Auseinandersetzung mit dem Thema Leben und Tod ohne Melodramatik.

Banana Yoshimoto: Lebensgeister.
Diogenes, 160 Seiten, 15,00 €.


„Midlife-Cowboy“
von Chris Geletneky

Eine Lebenssituation, die in Romanen und im Film schon oft thematisiert wurde: Ein Mann, kurz vor seinem 40. Geburtstag, gerĂ€t in eine Sinnkrise. Eigentlich gibt es nichts, ĂŒber das Tillmann sich beschweren könnte. Ganz im Gegenteil: Er hĂ€lt seine Ehefrau immer noch fĂŒr die beste Wahl, die er hat treffen können, und auch in ihrem Freundeskreis gelten die beiden als Vorzeigepaar. Er liebt seine Kinder und hat auch an denen nichts auszusetzen. Die Familie lebt in einer Musterhaussiedlung mit gepflegtem Rasen und einem Gartenteich, trifft sich regelmĂ€ĂŸig mit Freunden, die ebenfalls mitten im Leben stehen, feiert Partys und ist allgemein beliebt. Eine spitze Bemerkung des PostaustrĂ€gers löst aus, was Tillmann lange fĂŒr sich verdrĂ€ngen konnte: die Frage, ob das eigentlich alles ist, was er verwirklichen und erleben wollte. Eben noch fĂ€hrt er routiniert mit dem Rasentraktor ĂŒber das GelĂ€nde, jetzt beginnt er, alles in Frage zu stellen, was sein Leben ausmacht. Nicht, dass er sich von seiner Frau trennen wollte – er liebt und schĂ€tzt sie immer noch. Doch die Leidenschaft, der wilde Sex von damals sind der Routine und den Pflichten der Elternschaft gewichen. Und diese Spießigkeit, die ihn umgibt, die er selbst erschaffen hat, ist nicht im Ansatz das, was er sich einst vorgestellt hatte. So zu leben, war nie sein Plan gewesen. Tillmann spĂŒrt, wie der alte DraufgĂ€nger, der er in seiner Jugend war, sich in ihm meldet. Doch wo könnten jetzt noch Aufregung und Abenteuer auf ihn warten? Die AffĂ€re, die Tillmann bald darauf beginnt, fliegt ausgerechnet an seinem zehnten Hochzeitstag auf – die Turbulenzen, die damit ausgelöst werden, bringen mehr Aufregung als er sich erhofft hatte. Auf seiner Suche nach einem Neuanfang löst er eine Katastrophe nach der nĂ€chsten aus, bis plötzlich alles auf der Kippe steht. Auch wenn der Tenor von „Midlife-Cowboy“ ĂŒberwiegend witzig ist, erlebt der Leser Tillman's Krise hautnah mit.

Chris Geletneky: Midlife-Cowboy.
LĂŒbbe, 384 Seiten, 14,99 €.


„Mit Zorn sie zu strafen“
von Tony Parsons

WĂ€hrend man ĂŒberall die Silvester-Nacht feiert, wird die Familie Wood auf grausame Weise in ihrem Haus ermordet. In dem wohlhabenden Londoner Viertel kommen die beiden Eltern und zwei ihrer Kinder durch ein BolzenschussgerĂ€t ums Leben, einer Apparatur, mit der sonst Schlachttiere getötet werden. Nur der vierjĂ€hrige Sohn Bradley ist spurlos verschwunden. Detective Max Wolfe, der die Ermittlungen aufnimmt, stĂ¶ĂŸt schnell auf einen vergleichbaren Fall, der sich allerdings vor sehr langer Zeit ereignete. Vor etwa 30 Jahren hat schon einmal ein Mörder eine ganze Familie auf diese Weise umgebracht. Obwohl der TĂ€ter von damals inzwischen alt und todkrank ist, hat Detective Max den Verdacht, dass er bei seiner Vernehmung etwas verschweigt. Alles spricht dafĂŒr, dass der Mörder der Familie Wood den kleinen Bradley mit sich genommen hat, und so beginnt eine fieberhafte Suche nach dem Kind. Obwohl sich die Entwicklungen seit den EinsĂ€tzen der Polizei ĂŒberschlagen – es gibt Tote, schwerverletzte Ermittler und dramatische Wendungen – kommt man dem wahren TĂ€ter und seinem Motiv bis zum Schluss nicht nĂ€her. Ganz offensichtlich ist der Mörder der Polizei immer einen Schritt voraus ...

Tony Parsons: Mit Zorn sie zu strafen.
LĂŒbbe, 320 Seiten, 14,99 €.


„Odin's Söhne“
von Harald Gilbers

In den letzten Kriegswochen 1945 in Berlin herrschen Chaos, Angst und immer noch die Schreckensherrschaft des Nazi-Regimes. Die Menschen wissen lĂ€ngst, dass der Krieg verloren ist und nur noch kurze Zeit dauern kann. Gerade jetzt, da die letzten KampffĂ€higen abberufen werden, viele um das tĂ€gliche Überleben kĂ€mpfen mĂŒssen, ist erhöhte Vorsicht geboten: Wer auf dem Schwarzmarkt erwischt wird, als Desertierter oder anderweitig Untergetauchter, wird das Kriegsende nicht mehr erleben. Gerichtliche Schnellverfahren und Exekutionen sind an der Tagesordnung. Einer der vielen Untergetauchten ist Kommissar Richard Oppenheimer, der aufgrund seiner jĂŒdischen Herkunft aus dem Dienst entlassen wurde und sich nun mit SchwarzmarktgeschĂ€ften durchschlĂ€gt. UnterstĂŒtzung erhĂ€lt Oppenheimer immer wieder von Hilde, die ihm unter anderem aufgrund ihrer guten Kontakte zu neuen Papieren verhilft. Doch dann wird Hilde des Mordes verdĂ€chtigt: Erich Hauser, ihr Mann, von dem sie schon lange getrennt lebt, ist in seiner Wohnung tot aufgefunden worden, der Körper extrem verstĂŒmmelt. Hauser war SS-HauptsturmfĂŒhrer und hatte sich ebenfalls eine neue IdentitĂ€t zugelegt, um nach Kriegsende nicht fĂŒr seine grausamen Taten im KZ belangt werden zu können. Als ausgerechnet Hilde des Mordes verdĂ€chtigt wird, beschließt Oppenheimer, der offiziell als verstorben gilt, Recherchen anzustellen. Um Beweise fĂŒr Hildes Unschuld zu finden und ihr Leben zu retten, riskiert Oppenheimer sein eigenes. Doch dies wird schwieriger als er zunĂ€chst vermutet: Hilde scheint ihm etwas zu verschweigen und ein geheimer germanischer Kult ist anscheinend in die Angelegenheit verwickelt.

Harald Gilbers: Odin's Söhne.
Knaur, 528 Seiten, 9,99 €.


„Remember Mia“
von Alexandra Burt

Als Estelle Paradise ihr Bewusstsein wiedererlangt, kann sie sich an nichts erinnern. Nach einem schweren Autounfall liegt sie im Krankenhaus und versucht die BruchstĂŒcke und Bilder, die sich in ihr abspulen, zu sortieren. Sie erfĂ€hrt, dass sie mit ihrem Wagen in eine tiefe Schlucht gestĂŒrzt ist und dass auch auf sie geschossen wurde. Eine ihrer ersten klaren Erinnerungen ist die an ihre Tochter. Estelle ist erst seit kurzem Mutter, ihre Tochter Mia sieben Monate alt. Doch Mia war nicht im Auto, und niemand weiß, wo sie geblieben ist. Nach und nach wird Estelle bewusst, was in den Tagen und Wochen vor dem Unfall geschehen ist. Mia war bereits drei Tage vor dem Unfall aus ihrem Apartment in New York verschwunden und nun verdĂ€chtigt man Estelle des Mordes an ihrem Kind. Nach ihrem Krankenhausaufenthalt begibt sich Estelle in Therapie bei einem Spezialisten fĂŒr Amnesie-Opfer. Schockiert muss sie feststellen, dass ihr Leben seit der Geburt ihres Kindes eine einzige Krise gewesen ist. Völlig ĂŒberfordert von der neuen Situation versank Estelle in Depressionen, bald darauf verlassen von ihrem Mann verfiel sie einem regelrechten Verfolgungswahn. Und dann verschwand Mia aus der Wohnung, die mit mehreren Schlössern gesichert war. War sie es selbst, die Mia etwas angetan hat? Nach und nach kommen immer mehr erschreckende Details aus Estelles Leben ans Licht und mit jedem nimmt die ohnehin schon spannende Geschichte fĂŒr den Leser eine neue Wendung.

Alexandra Burt: Remember Mia.
DTV, 384 Seiten, 14,90 €.


„Skin“
von Veit Etzold

Christian König arbeitet seit kurzem bei „ECC“, einer bekannten Berliner Wirtschaftsberatungsfirma. Sein Job bringt es mit sich, dass er stĂ€ndig in andere StĂ€dte reisen muss und jede Menge Überstunden macht. Oft genug putscht er sich mit Medikamenten auf, um dem beruflichen Druck gewachsen zu bleiben. FĂŒr sein Privatleben bleibt kaum Zeit, was weniger ihm als mehr seiner Freundin Nicole gegen den Strich geht. Da Jonathan, einer seiner Kollegen, Schwierigkeiten hat, eine „Excel“-Kalkulationen zu erstellen, wird Christian gebeten, ihn dabei zu unterstĂŒtzen. Doch schon kurz nach Abschluss dieser Arbeit erfĂ€hrt er, dass Jonathan gekĂŒndigt wurde. Christian ist von dieser Entwicklung einigermaßen ĂŒberrascht, allerdings ereignen sich von nun an immer mehr Dinge, die ihn regelrecht erschĂŒttern. ZunĂ€chst wird in seine Wohnung eingebrochen, bald darauf erhĂ€lt Christian E-Mails, die scheinbar von selbst wieder verschwinden. Ein SchlĂŒssel, den er seiner Manteltasche findet, fĂŒhrt ihn zu einem Schließfach mit abstoßendem Inhalt. Und dann öffnet er ein Video aus einer obskuren Email, das ihn völlig entsetzt: Zu sehen ist eine stark verstĂŒmmelte Wassertleiche, die in einem Swimmingpool treibt. Als Christian sich an die Polizei wendet, ist ihm sofort bewusst, dass man ihn nicht glaubt, weshalb er nur einen Teil der Ereignisse schildert. Es folgen weitere grauenvolle Videos, doch die Polizei findet heraus, dass diese ĂŒber Christian's eigenem Account gesendet wurden. Und die Toten auf dieses Aufnahmen stammen alle aus seinem Bekanntenkreis ...

Veit Etzold: Skin.
LĂŒbbe, 416 Seiten, 10,99 €.


„Stadt der LĂŒgen – Liebe, Sex und Tod in Teheran“
von Ramita Navai

Ramita Navai ist 1979 als AchtjĂ€hrige mit ihren Eltern aus dem Iran nach Großbritannien geflohen, als die „Islamische Revolution“ stattfand. Von 2003 bis 2006 kehrte sie als Korrespondentin der „Times“ in ihre ehemalige Heimatstadt Teheran zurĂŒck. Als ihr dort vom Kulturministerium die Arbeitserlaubnis als Journalistin entzogen wurde, begann sie, Straßenkinder in den armen Stadtteilen Teherans kostenlos in Englisch zu unterrichten. Von da an lernte sie die Stadt von Seiten kennen, die ihr vorher nicht bekannt waren. Sie begann, Interviews mit Menschen aus den verschiedensten Schichten zu fĂŒhren, auf acht davon basiert ihr Buch. WĂ€hrend Navai die Geschichte des Iran der letzten 100 Jahre skizziert, kommen acht junge Menschen zu Wort, die ĂŒber ihren Alltag in Teheran berichten. Vieles davon spielt sich im Verborgenen ab, da das rigide klerikale System nicht nur fĂŒr Alkohol-, Drogenbesitz, sondern auch fĂŒr unsittliches Verhalten schwerste Strafen vorsieht. Ramita Navai berichtet davon, wie den Menschen in Teheran der Spagat gelingt zwischen dem korrekten Erscheinungsbild nach Außen und dem Nacheifern eines westlichen Lebensstils im Privaten. SchulmĂ€dchen tragen unter dem Tschador Jeans und Turnschuhe, untreue EhemĂ€nner pilgern nicht nach Mekka, sondern nach Thailand, brave Hausfrauen drehen Porno-Filme, Mullahs sagen per Handy die Zukunft voraus, und beim Schönheits-Chirurgen werden nicht nur Nasen gerichtet, sondern auch JungfernhĂ€utchen wiederhergestellt.

Ramita Navai Stadt der LĂŒgen – Liebe, Sex und Tod in Teheran.
Kein & Aber, 352 Seiten, 22,00 €.


„Tante Poldi und die FrĂŒchte des Herrn“
von Mario Giordano

Dies ist der zweite Band um Tante Poldi, der rĂŒstigen MĂŒnchnerin, die seit kurzem auf Sizilien lebt. In „Tante Poldi und die sizilianischen Löwen“ war sie kurz nach ihrem Umzug auf die Insel mit einem Mordfall konfrontiert worden, der auf das Konto der Cosa Nostra ging und dessen AufklĂ€rung ihr allein gelang. Die Aufregung ĂŒber die Ereignisse ist noch gar nicht ganz abgeklungen, da wĂ€hnt sich Tante Poldi schon im Blick der sizilianischen Mafia. Nicht nur, dass jemand der ganzen Straße das Wasser abgestellt hat, auch der Hund ihrer Freundin Valerie wurde getötet. Das kann einfach kein Zufall sein. Warnungen, ganz klar! Tante Poldi's Ermittlungen fĂŒhren sie zu Winzer Avola, dessen AttraktivitĂ€t sie prompt erliegt. Nach einer heißen Nacht wird man von der Polizei geweckt – leider ausgerechnet von Commissario Montana, Poldi's schwer eifersĂŒchtigem Freitags-Lover. Der ist nicht gekommen, um Tante Poldi nachzuspionieren, sondern weil man eine Leiche auf dem Acker des Winzers gefunden hat – die der leitenden StaatsanwĂ€ltin der Anti-Mafia-Abteilung. Von einer Weinflasche ist die Frau erschlagen worden, und die trĂ€gt auf ihrem Etikett einen Kartenausschntt, der Tante Poldi gleich bekannt vorkommt. Die Verbindung zu ihrem ersten Fall ist mehr als offensichtlich. Tante Poldi aktiviert ihr Ermittlerteam und beginnt mit ihren Nachforschungen. Die Hauptprobleme bei diesem Fall sind die Eigenarten der Sizilaner, die Eifersucht ihres Liebhabers und nicht zuletzt ihr eigenes, recht inniges VerhĂ€ltnis zum Alkohol. Ein spannender und witziger Krimi, garniert mit allerlei Wissenswertem ĂŒber Sizilien.

Mario Giordano: Tante Poldi und die FrĂŒchte des Herrn.
LĂŒbbe, 368 Seiten, 14,90 €.


„Toter Himmel“
von Gilly MacMillian

Rachel, die von ihrem Mann wegen einer anderen Frau verlassen wurde, lebt seit einer Weile allein mit dem gemeinsamen Sohn Ben. An einem Nachmittag im Herbst geht sie mit dem AchtjĂ€hrigen und Skittle, seinem Hund, im Wald spazieren. Wie so oft, ist der Waldspielplatz ihr Ziel, und diesmal bittet Ben seine Mutter, allein vorauslaufen zu dĂŒrfen. Wenige Minuten spĂ€ter kommt Rachel am Spielplatz an und findet nur eine schwingende Schaukel vor – von Ben fehlt jede Spur. Ein Alptraum beginnt fĂŒr Rachel, sie sucht nach Ben, ruft nach ihm, sie gerĂ€t in Panik und begreift: ihr Sohn ist nicht mehr da. WĂ€hrend die Polizei das ganze Gebiet tagelang durchsucht, steht fĂŒr manche Menschen schon fest, wer der wahre Schuldige ist. Auf „Facebook“ und auf einer extra fĂŒr Ben eingerichteten Seite wird Rachel bepöbelt und fĂŒr das Verschwinden ihres Sohnes verantwortlich gemacht. Neun Tage dauert die Suche nach Ben und in dieser Zeit durchlĂ€uft nicht nur Rachel eine Krise, sondern auch ihr Ex-Mann John und der ermittelnde Polizist Jim. Rachel und Jim wechseln als Ich-ErzĂ€hler ab, zwischendurch erhĂ€lt der Leser Einblick in die GesprĂ€chs-Protokolle von Jim's Therapie-Sitzungen bei der Psychologie Francesca Manelli, die ein Jahr nach den Ereignissen stattfinden. „Toter Himmel“ kommt ohne grausame Gewaltszenen aus und hĂ€lt den Leser dennoch durchgehend im Bann.

Gilly Macmillian: Toter Himmel.
Knaur, 544 Seiten, 14,99 €.


„Verheimlicht – vertuscht – vergessen“
von Gerhard Wisnewski

Was 2015 nicht in der Zeitung stand

Gerhard Wisnewski, Politikwissenschaftler, Schriftsteller und Dokumentarfilmer, befasst sich seit langem mit Themen, die es nicht oder nur verzerrt in die Medien schaffen. In seinen JahresrĂŒckblick „Verheimlicht – vertuscht – vergessen“ fĂŒhrt er auch diesmal wieder eine FĂŒlle von Ereignissen auf, ĂŒber die anderswo nur oberflĂ€chlich und unkritisch berichtet wurde. Dabei gilt sein Augenmerk besonders auch manipulierten Nachrichten, die von Interessengruppen, Regierungen oder Geheimdiensten in die Welt gesetzt werden, um deren Zielen zu dienen. Wisnewski fĂŒhrt uns chronologisch durch das zurĂŒckliegende Jahr und zeigt Monat fĂŒr Monat ZusammenhĂ€nge auf, die es nicht in die Nachrichten geschafft haben. Er dokumentiert, wo es begrĂŒndete Zweifel an der offiziellen Berichterstattung gibt, verweist auf HintergrĂŒnde, die selten genannt werden.

Schwerpunkte dieser Ausgabe sind unter anderem Ungereimtheiten und Falschmeldungen im Fall „Charlie Hebdo“, verschiedene Aspekte der Migrationswelle, die in den Nachrichten nicht erwĂ€hnt werden, und die Finanzierung des „IS“-Terrors. Wisnewski, der von etablierten Medien als Verschwörungstheoretiker gebrandmarkt wurde, liefern allerdings meist keine letzten Antworten, sondern regt den Leser an, von der Presse gelieferte Wahrheiten zu hinterfragen und sich selbst ein Bild zu machen.

Gerhard Wisnewski: Verheimlicht – vertuscht – vergessen.
Kopp-Verlag, 368 Seiten, 9,99 €.


„Vinyl – Die Magie der schwarzen Scheibe“
von Mike Evans

Grooves, Design, Labels, Geschichte und Revival

Mike Evans hat mehr als 60 BĂŒcher ĂŒber Musik, Filme und Mode verfasst, fĂŒr Musikzeitschriften wie „Sounds“ und „Melody Maker“ geschrieben, in mehreren Bands mitgewirkt und sogar zwei Singles bei „Decca“ herausgegeben. In diesem reich bebilderten Band ĂŒber die Geschichte der Schallplatte beleuchtet er deren AnfĂ€nge von der Entwicklung der ersten ‚sprechenden Maschine‘ ĂŒber die Schellack-Platten, die mit ihren 78 Umdrehungen pro Minute nur ein MusikstĂŒck wiedergeben konnten, hin zur ersten modernen Vinylscheibe, die 1931 von „RCA“ produziert wurde. Anschließend dokumentiert Evans fĂŒr jede folgende Dekade, welche Entwicklungen und Höhepunkte den Erfolg der schwarzen und spĂ€ter oft auch bunten Scheiben begrĂŒndeten; die Musikrichtungen der aufeinander folgenden Jahrzehnte werden kurz angerissen und viele besonderere Veröffentlichungen vorgestellt bis zu dem Zeitpunkt, an dem mit dem Aufkommen der CD das Ende der Schallplatte verkĂŒndet wurde. Doch an diese Phase schließt noch eine weitere an: die Zeit, in der wir uns jetzt befinden, eine Zeit, in der die totgeglaubte Schallplatte lĂ€ngst eine erstaunliche Renaissance erlebt. Waren es zunĂ€chst nur eingeschworere Liebhaber des Vinyls und DJs, die der Platte die Treue hielten, kamen spĂ€ter immer mehr junge Menschen hinzu, die, fasziniert von ihren Flohmarkt-Entdeckungen, den Markt fĂŒr AbspielgerĂ€te belebten. Inzwischen gehen immer mehr Bands dazu ĂŒber, ihre Alben auch auf Vinyl zu produzieren; Vorreiter waren Bob Dylan und Neil Young, Supermarktketten haben Plattenspieler im Programm, einige der Profi-Marken bringen ganz neue GerĂ€te heraus, Sammler und Radio-Redaktionen zahlen horrende Preise fĂŒr seltene, oft noch nicht digitalisierte Alben. Der Vergangenheit gehört die Schallplatte gewiss nicht an, und wer den Ruhm und Glanz ihrer großen Tage vermisst – hier findet er ihn wieder.

Mike Evans: Vinyl – Die Magie der schwarzen Scheibe.
Edition Olms, 256 Seiten, 29,95 €.


„Vom Beet in die KĂŒche“
von Sabine Reber

Was fĂŒr die Generationen vor uns noch selbstverstĂ€ndlich war, hört sich fĂŒr die meisten Menschen in unserem Kulturkreis inzwischen nach reinem Luxus an: Die Zutaten, die wir gerade in der KĂŒche benötigen, mal eben im eigenen Garten zu ernten. Sabine Reber, Schweizer Sachbuch-Autorin und GĂ€rtnerin aus Leidenschaft schlĂ€gt eine BrĂŒcke zwischen der Anleitung zum GĂ€rtnern und der kreativen GemĂŒsekĂŒche. In ihrem neuen Gartenkochbuch beschreibt sie, wie mitten in Biel sowie auf einem verwilderten GrundstĂŒck ausserhalb der Stadt zwei GĂ€rten angelegt werden, was sie dort anpflanzt und wie sich die geernteten Produkte auf vielfĂ€ltige Weise in der KĂŒche verwenden lassen. Sabine Reber vermittelt Grundwissen ĂŒber biologisches GĂ€rtnern, zeigt, wie auf kleinstem Raum GemĂŒse- und KrĂ€utervielfalt entstehen und welche zum Teil ungewöhnlichen Gerichte in ihrer KĂŒche entstehen. Rund 50 einfach nachzukochende Rezepte unter Verwendung fast aller Pflanzenteile sind hier aufgefĂŒhrt, die meisten laden zu kreativen Weiterentwicklungen ein. Nicht nur die Frische der Pflanzen ist ein Argument dafĂŒr, diese selbst anzubauen. Vieles, was hier vorgestellt wird, ist auf dem heimischen Markt kaum oder gar nicht erhĂ€ltlich, kann andereseits aber leicht selbst gezogen werden. So lassen sich frische Bambussprossen mit wenig Aufwand im eigenen Garten ernten und in der KĂŒche verarbeiten, ebenso verhĂ€lt es sich mit Dahlienknollen, SĂŒsskartoffelblĂ€ttern oder Straußenfarn.

Sabine Reber: Vom Beet in die KĂŒche.
AT, 232 Seiten, 29,95 €.


„Vonne Endlichkait“
von GĂŒnter Grass

Im April 2015 verstarb GĂŒnter Grass mit 87 Jahren – mehr als ein halbes Jahrhundert lang genoss er als Autor internationale Bekanntheit. Bereits sein erstes veröffentlichtes Werk, die Blechtrommel, machte ihn zu einer der modernen GrĂ¶ĂŸen in der deutschen Literatur. Grass schrieb TheaterstĂŒcke, engagierte sich politisch, war Redenschreiber fĂŒr Willy Brandt, entschiedener Kernkraftgegner und erhielt den Literaturnobelpreis. „Vonne Endlichkait“ ist das letzte Buch von GĂŒnter Grass – bis zu seinem Tode arbeitete er daran und konnte es nicht ganz fertigstellen. Der Leser bemerkt dies nicht, handelt es sich doch um eine abwechslungsreiche Sammlung meist kurzer Gedichte, Zeichnungen und Prosa zu vielerlei Themen. Gedanken zum Tagesgeschehen finden sich ebenso wie fiktive GesprĂ€che mit lĂ€ngst verstorbenen Dichterfreunden. Grass Ă€ußert sich zur Griechenlandkrise und verfasst ein Gedicht, das die Politik Angela Merkels kritisiert. Die VergĂ€nglichkeit allerdings ĂŒberwiegt in den Betrachtungen. Das Abschiednehmen, körperliche Probleme, Fragen zur eigenen Bestattung. Melancholisch oft, doch immer wieder durchbrochen von subtilem Humor. Und auch der Blick aufs Endliche kann nicht verhindern, dass die Themen des Lebens weiterhin eine Rolle spielen: Liebe und Eifersucht, glĂŒckliche Momente, Gedanken ĂŒber die Zukunft. Ein berĂŒhrendes letztes Kunstwerk in der fĂŒr den Steidl-Verlag typischen bibliophilen Gestaltung.

GĂŒnter Grass: Vonne Endlichkait.
Steidl, 184 Seiten, ĂŒber 60 Bleistiftzeichnungen, 28,00 €.


„Wetterschmöcker“
von Michael Theurillat

Kommissar Eschenbach hat bereits mit dem tĂ€glichen Verwaltungskram mehr zu tun als ihm lieb ist, und richtige Arbeit liegt ja auch noch an: gleich zwei Leichen bereiten ihm Kopfzerbrechen. Die eine, die man aus dem Fluss gezogen hat, beschĂ€ftigt ihn schon lĂ€nger, die andere ist eben erst ‚eingetroffen‘. Es ist die einer Frau, die auf ungewöhnliche Weise bestattet wurde, anscheinend nach einem indianischen Ritual. Als dann noch Alois ThĂŒring, ein Ă€lterer Herr mit wallendem Bart, in seinem BĂŒro erscheint, um seine Nichte als vermisst zu melden, nur weil die zu einem verabredeten Besuch nicht erschienen ist, wird Eschenbach ungehalten. Er versucht, den Mann abzuwimmeln, doch der besteht darauf, dass die Suche nach seiner Nichte sofort eingeleitet wird und zwar unter der Leitung Eschbachs. ThĂŒring war einst in leitender Position in einem Weltunternehmen tĂ€tig. Nach einem Burnout zog er sich ins Muotathal zurĂŒck und gehört nun zu den „Wetterschmöckern“, die sich der Natur widmen und zweimal im Jahr das Wetter fĂŒr die kommenden Monate vorhersagen. Seine Nichte Clara ist inzwischen in den Vorstand des Konzerns aufgestiegen, doch momentan fehlt von ihr jede Spur. Eschbach lĂ€sst sich ĂŒberzeugen und verspricht, nach Clara zu suchen. Bei den „Wetterschmöckern“ trifft er auf eine verschworene kleine Gemeinschaft, von der er keine weiteren Informationen zum Verscheinden der jungen Frau erhĂ€lt. Im Unternehmen, in dem Clara arbeitet, stĂ¶ĂŸt er zunĂ€chst auf die gleiche Mauer des Schweigens. Seine Fragen sind unerwĂŒnscht, und schon bald ahnt Eschenbach, dass er sich in Gefahr begeben hat. Und die ist grĂ¶ĂŸer als er sich zunĂ€chst vorstellen kann.

Michael Theurillat: Wetterschmöcker.
Ullstein, 352 Seiten, 26,00 €.


„Zerschunden“
von Michael Tsokos

Michael Tsokos hat mehrere Thriller zusammen mit Sebastian Fitzek veröffentlicht. Dies ist der erste eigenstĂ€ndige Krimi aus der Feder des bekannten Kieler Rechtsmediziners. „Zerschunden“ ist als Auftakt einer neuen Serie gedacht, die auf wahren FĂ€llen und echter Ermittlungsarbeit basiert. In diesem ersten Band geht es um einen Serienmörder, der in ganz Europa tĂ€tig ist. In der NĂ€he von FlughĂ€fen kommt es immer wieder zu MordanschlĂ€gen auf alleinstehende Frauen. Der TĂ€ter bringt seine Opfer mit mehreren Messerstichen um und hinterlĂ€st anschließend eine Signatur auf den Leichen. Rechtsmediziner Fred Abel vom Bundeskriminalamt beginnt in dem Moment zu recherchieren als die Behörden ein Muster in den MordfĂ€llen erkennen. Das erste Opfer, das der Serie zugeordnet wird, war eine Ă€ltere Dame in Berlin, die gerade mit ihren EinkĂ€ufen nach Hause zurĂŒckkehrte, als sie in die Wohnung gestoßen und getötet wurde. Ein Ă€hnlicher Mord in der NĂ€he des Londoner Flughafens deutet auf den gleichen TĂ€ter hin. Ausgerechnet Lars Moewig, ein Freund Abels, ist der erste VerdĂ€chtige – er hatte sich beidemale in der NĂ€he der Tatorte befunden und in beiden FĂ€llen gibt es Spuren, die ihn als TĂ€ter infrage kommen lassen. Ein Alibi hat Moewig nicht und mit der Zeit spricht immer mehr fĂŒr seine Schuld. An die jedoch kann Abel nicht glauben. Unter Druck steht er nun auch, weil Moewigs todkanke Tochter nicht mehr lange leben wird und Moewig die letzten Tage mit ihr verbringen möchte.

Michael Tsokos: Zerschunden.
Knaur, 432 Seiten, 14,99 €.


„Zersetzt“
von Michael Tsokos

Nach „Zerschunden“ ist dies der zweite Fall, bei dem wir Dr. Fred Abel bei der Arbeit zusehen. Der Rechtsmediziner gehört zu einem Team des „BKA“, das sich mit Extremdelikten befasst. Die Untersuchung von Mordopfern gehört fĂŒr ihn zum Tagesablauf; er gilt als einer der Besten in seinem Fach. Als die Abteilung wieder einmal mit Arbeit mehr als ausgelastet ist, taucht ein Fall auf, dem man zunĂ€chst besonderen Vorrang einrĂ€umt. Das Opfer ist allem Anschein nach durch Waterboarding erstickt und wurde ausgerechnet im Regierungsviertel aufgefunden. Doch Dr. Abel wird bei einer ganz anderen Sache hellhörig: Ein Mann, der laut Totenschein des Arztes an Leberversagen verstorben ist, soll noch einmal untersucht werden, da die Leiche eine Einstichstelle in der Kniekehle aufweist. Dr. Abel erinnert sich, dass solch ein Einstich vor nicht allzulanger Zeit schon einmal Thema war. Mitten in seinen Untersuchungen bekommt er den Auftrag, dienstlich nach Transnistrien zu reisen. Dort soll die IdentitĂ€t zweier fast völlig zersetzter mĂ€nnlicher Leichen geklĂ€rt werden, die in KalkfĂ€ssern gelagert wurden. Da bereits fast sicher ist, um wen es sich handeln mĂŒsse, hört sich dies fĂŒr Dr. Abel zunĂ€chst nach einer Routine-Angelegenheit an. Nur dass er nach Osteuropa muss, wĂ€hrend er sich lieber mit dem Mann mit der Einstichstelle befassen wĂŒrde, von dem er vermutet, dass er Opfer eines Serienmörders wurde. In Transnistrien allerdings ĂŒberschlagen sich die Ereignisse, wĂ€hrend in Deutschland eine junge Frau um ihr Leben kĂ€mpft ...

Michael Tsokos / Andreas GĂ¶ĂŸling: Zersetzt.
Knaur, 432 Seiten, 14,99 €.


„Zone 5“
von Markus Stromiedel

Nur wenige Jahrzehnte in der Zukunft, um das Jahr 2060 herum, haben sich die gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse dramatisch geĂ€ndert. Europa wird von einem autoritĂ€ren PrĂ€sidenten diktatorisch regiert; im Hintergrund haben fĂŒnf multinationale Konzerne die Macht ĂŒber die Welt mehr oder weniger unter sich aufgeteilt. Über implantierte Chips findet eine fast vollstĂ€ndige digitale Überwachung der Bevölkerung statt. Die europĂ€ischen StĂ€dte sind in Zonen aufgeteilt, in denen die Menschen hermetisch voneinander getrennt leben. Zone 1 und 2 in den Stadtzentren sind den Priviligierten vorbehalten, die ihren Wohlstand vor den unteren Schichten gesichert haben, in Zone 3 lebt es sich noch einigermaßen vertrĂ€glich, dort sind die Dienstleister und wichtigen ArbeitskrĂ€fte angesiedelt. Die Menschen in Zone 4 werden nur mit dem Allernötigsten versorgt, hier leben die einfachen Arbeiter und diejenigen, die sich aufgrund des Klimawandels in die Slums dieser Zone geflĂŒchtet haben. Und dann gibt es möglicherweise noch eine fĂŒnfte Zone, ĂŒber die immer wieder GerĂŒchte kursieren. Auch Köln, das einem indischen Pharmamulti untersteht, ist in diese Zonen geteilt; auf das Betreten der höheren Zonen steht fĂŒr Unberechtigte die Todesstrafe. Alex, eine mutige junge Frau aus Zone 4, beschließt dennoch, in Zone 1 einzudringen: ihre Zwillingsschwester ist an Krebst erkrankt und benötigt dringend Medikamente. Wirksame Mittel gegen diese einst so gefĂŒrchtete Krankheit sind zwar lĂ€ngst entwickelt worden, stehen aber nur den Angehörigen der ersten beiden Zonen zur VerfĂŒgung. Als Alex bei Ihrem Betreten von Zone 1 verhaftet wird, droht ihr die Hinrichtung. Unverhoffte UnterstĂŒtzung erhĂ€lt sie jedoch von David, einem idealistischen jungen Anwalt der ersten Zone, der gerade sein Anerkennungsjahr in Köln absolviert und Kontakte zu einflussreichen Kreisen hat. Ein großer Teil der Spannung, die sich durchgehend durch den Roman zieht, basiert auf den unterschiedlichen Perspektiven der Protagonisten auf die Situation. Am Schluss eskalieren allerdings auch die Ereignisse, die durch das Zusammentreffen von Alex und David ausgelöst werden – Ereignisse, die das ganze System bedrohen ...

Markus Stromiedel: Zone 5.
Droemer, 464 Seiten, 14,99 €.

GeÀndert:  06 / 2020